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Wörter von Pörtner
Facebook ist das neue Rauchen

Facebook macht krank, Facebook ist schuld an der Verrohung der Sitten, Facebook ist eine Hassschleuder, Facebook hat Donald Trump zum Präsidenten gemacht. (Oder waren es die Russen?) Trotzdem sind alle bei Facebook. Früher haben alle geraucht. Die Tabakkonzerne machten riesige Gewinne auf Kosten des allgemeinen Wohlbefindens. Sie schreckten selbst vor den miesesten Tricks nicht zurück, mischten suchtfördernde Stoffe in den Tabak. Facebook funktioniert ähnlich, es fördert die kurzfristige Dopaminausschüttung, die einen immer wieder zurückkehren lässt. Gegen das Rauchen gab es Widerstand, zum Beispiel wurden Zigaretten der Marke Marlboro boykottiert, weil diese als Symbol des amerikanischen Imperialismus galten. Trotzdem wäre fast niemandem in den Sinn gekommen, aus Protest mit dem Rauchen aufzuhören. Rauchen und Rauch waren so allgegenwärtig und selbstverständlich, dass jene, die sich darüber beschwerten oder die negativen Auswirkungen auf die Gesellschaft beklagten, belächelt oder geächtet wurden.

Über Facebook wird auch öfter geklagt, die Nutzerinnen und Nutzer appellieren an das Unternehmen, die übelsten Auswüchse seines Geschäftsmodells einzudämmen, was jeweils – ganz wie bei den Tabakmultis – versprochen, aber nicht getan wird. Aussteigen will auch hier niemand. Ein Boykott steht nicht zur Debatte. Wahrscheinlich würde Facebook der Abgang des Schweizer Mitte-links-Publikums etwa so wenig kratzen wie damals den Philipp-MorrisKonzern der Boykott eines ihrer Produkte durch antiimperialistische Kräfte in Westeuropa. Und doch, wenn die postfaktischen Hassbrüder und -schwestern auf Facebook nur noch unter sich wären, würde das wahrscheinlich bald zu deren Aufspaltung in immer kleinere, sich vehement bekämpfende Fraktionen führen. Denn ihr Hass wird nicht von jenen entfesselt, gegen die er sich richtet, er zielt bloss auf sie. Dieser Hass entströmt ihnen wie einst den Zigaretten der Rauch, der den Raum verpestete, egal ob es ein WG-Zimmer oder ein Luxusrestaurant war. Er nebelte alle Anwesenden gleichermassen ein. Selbst wer nicht mitmachte, war betroffen. Es sei denn, man blieb draussen. Doch dann, ein paar Jahre später, man weiss gar nicht recht, wie es gekommen ist, war es plötzlich umgekehrt. Seither stehen die Raucher draussen.

So unwahrscheinlich es zurzeit scheinen mag, ist es durchaus möglich, dass Mark Zuckerberg den Weg des Marlboro-Cowboys oder CamelManns gehen wird: von der bewunderten Ikone zum verachteten Verführer. Facebook geht es um Geld und Macht. In Amerika macht sich strafbar, wer sich mit einem fremden FacebookAccount einloggt. So sieht die Freiheit aus, auf die sich die mächtigen Internetkonzerne gerne berufen. Sie endet abrupt bei ihren Geschäftsbedingungen. Durch den Verkauf der von den Nutzern freiwillig zur Verfügung gestellten Daten sind ihre Kassen prallvoll, was massives Lobbying erlaubt, auch bei uns. Und Gesetze zu ihren Gunsten werden diensteifrig durchgewunken.

Es gibt viele Gründe, Facebook den Rücken zuzukehren. Nach einer gewissen schwierigen Entzugszeit fühlt man sich besser und fragt sich, wie man je so einem Unfug aufsitzen konnte. Man hat wieder mehr Zeit für anderes und atmet freier. Man könnte direkt wieder anfangen zu rauchen.

Stephan Pörtner steht in Zürich auch mal ohne Glimmstengel oder Mobiltelefon draussen vor der Tür. Manchmal ruft er Passanten zu, dass es ihm gefällt, was sie tun, und streckt den Daumen hoch.

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