Skip to main content
Wörter von Pörtner
Idioten

Der Frühling kehrt zurück und damit der Verkehrskonflikt Auto- vs. Velofahrer vs. Fussgänger. Ich glaube jedoch, dass der Konflikt ein ganz anderer ist, nämlich jener Idioten vs. Zurechnungsfähige. Idioten verhalten sich immer wie Idioten, egal ob sie mit einem Fahrzeug oder zu Fuss unterwegs sind.

Das liegt an einem grundsätzlichen Missverständnis, dem die Idioten aufsitzen: Sie glauben, Verkehrsteilnehmende zu sein bedeute, dass sie berechtigt wären, nach eigenem Gutdünken den für sie schnellstmöglichen Weg zurückzulegen. Andere Verkehrsteilnehmende und Verkehrsregeln empfinden sie als Schikanen, die sie an diesem Vorhaben hindern. Entsprechend ist ihr Verhalten. Möglicherweise nehmen die Idioten das von den Marketingabteilungen der Automobilkonzerne erdachte Konzept des Individualverkehrs für bare Münze. Natürlich ist das ein Widerspruch in sich. Verkehr ist nie individuell, sondern immer ein kollektives Unterfangen. Auf der anderen Seite wird fälschlicherweise angenommen, dass Idioten, die sich auf ein Velo setzen, durch ihr Verkehrsmittel in vernünftige Fahrer verwandelt würden, nur weil das Velo ein ökologisch vernünftiges Fahrzeug ist. 

Zur Teilnahme am Verkehr berechtigt allein die Verpflichtung, sich an die entsprechenden Regeln zu halten. Darum müssen die Lenkerinnen und Lenker von Motorfahrzeugen diese Regeln lernen und eine Prüfung darüber ablegen. Warum Velofahrende das nicht müssen, ist seltsam. Über das Einhalten der Regeln wacht die Polizei. Wer sich nicht an die Regeln hält, wird gebüsst oder aus dem Verkehr gezogen. So weit, so einfach. Weil die Verkehrsteilnahme jedoch das pure Gegenteil jener in der Motorfahrzeugwerbung angepriesenen Freiheit ist, wollen das die Idioten nicht wahrhaben. Sie glauben, auch ausserhalb der Autobahn gebe es eine Mindestgeschwindigkeit. Sie meinen, die Strasse oder das Trottoir gehöre ihnen. Sie denken, der Stärkere habe Vortritt. Sie glauben, selber entscheiden zu können, ob ihr Verhalten andere beeinträchtige oder nicht. Die vom Autohandel kräftig mitfinanzierte Law-and-Order-Partei sähe die Strasse am liebsten als rechtsfreien Raum. Zumindest für Motorfahrzeuge. Weil eine Abschaffung der Verkehrsregeln demokratisch nicht durchsetzbar ist, fordern sie die Nichteinmischung der Polizei. Der Industrieclown Andreas Thiel verlangt sogar die Abschaffung der Parkbussen. Das sichert ihm den Applaus der Idioten. Dabei wäre dies die wirksamste Massnahme, den Verkehr in der Stadt zum Erliegen zu bringen. Denn wer schon einmal eine Stadt besucht hat, in der die Verkehrsregeln nicht durchgesetzt werden, kennt das: Wo immer es zwei Spuren gibt, verkommt eine zum Abstellplatz für Autos. Desgleichen Trottoirs, Plätze und Strassenborde. Weil keine Busse droht, verlängert sich die Parkzeit, und auch das Einklemmen anderer Wagen zieht keine negativen Konsequenzen nach sich. Weil alles verstellt ist, ist kein Durchkommen mehr auf den verengten Strassen, und wer vorwärtskommen will, muss sich zu Fuss zwischen all den Fahrzeugen durchschlängeln. Autofahren würde verunmöglicht. Denn es sind nicht die Verkehrsregeln, die den Verkehr mühsam machen und ins Stocken bringen. Es sind die Idioten, die sie nicht beachten.