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Wörter von Pörtner
Schellackplatten in der Dunkelkammer

Dass ich von der Manifesta in Zürich nicht allzu viel mitbekommen habe, lag vor allem daran, dass ich die meiste Zeit gar nicht in der Stadt war. Doch genau an einem der zwei Tage, an denen ich da war, fand ein Manifesta Parallel Event bei Foto Ernst statt. Das Fachgeschäft Foto Ernst war eine jener Zürcher Institutionen, von denen es fast keine mehr gibt. Ein bis unter die Decke vollgestopfter Laden mit unübersichtlicher, kaum wechselnder Auslage im verstaubten Schaufenster und willkürlichen Öffnungszeiten. Eines jener Geschäfte, an denen man jahrzehntelang vorbeigeht und sich immer freut, dass es sie noch gibt, auch wenn einem nie in den Sinn käme, sie zu betreten. Bis sie eines Tages verschwunden sind. Auch Foto Ernst verschwindet, erhält aber noch einen letzten grossen Auftritt. Die Fotografin Nicole Gerber hat sich des Relikts angenommen und bespielt es übergangsweise als «Haus der analogen Kunst». An besagtem Abend fand dort eine Disco mit Schellackplatten statt, was bestens in die Räumlichkeiten passte. Der preisgekrönte Fotograf Luca Zonier stellte zwei seiner Arbeiten vor, Fotos von Energie-Anlagen und Räumen, in denen wichtige Entscheidungen gefällt werden. Die beeindruckenden Bilder sind in zwei Büchern erschienen und im Grossformat an Ausstellungen gezeigt worden. Selbst für einen wie mich, der mehr als einen Knopf am Fotoapparat für überflüssigen Firlefanz hält und darum von der Instantüber die Wegwerfbei der Handykamera gelandet ist, war es lehrreich. Ich gebe zu, dass ich mir nie überlegt habe, wie solche Bilder entstehen. Reingehen, abdrücken, fertig, so ungefähr. Ohne in die Einzelheiten gehen zu wollen: Es ist weitaus komplizierter und aufwendiger, wahre Kunst eben.

Den hochspezifischen Fachfragen der anwesenden Foto-Nerds konnte ich nicht einmal ansatzweise folgen. Das Einzige, was ich verstand, war, dass sowohl bei der analogen wie bei der digitalen Bildbearbeitung zwischendurch Zeit für eine Zigarette bleibt.

Danach ging es los mit der Disco. Die Platten drehten sich mit 78 Touren, was eine Spielzeit von drei bis vier Minuten erlaubt. Da die Schellackplatte vom allgemeinen Retrotrend nicht erfasst wurde und selbst die coolste Hipsterband keine Schellack-Spezial-Editionen herausgibt, stammten die gespielten Stücke aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Das Durchschnittsalter und die Zerbrechlichkeit des Publikums waren nicht ganz so hoch wie das der abgespielten Platten, allzu wild getanzt wurde aber doch nicht. Die knisternde Musik, das zusammengewürfelte Publikum in einem umgenutzten Raum mit improvisierter Bar: Es liess sich nicht vermeiden, dass Nostalgie aufkam. Nach den Zeiten, in denen es in Zürich eine Menge solcher Nischen gab, in denen gänzlich uncoole und unprofitable Veranstaltungen durchgeführt wurden. Wie zum Beispiel die letzte Schellack-Disco mit demselben DJ, die vor 25 Jahren stattfand, nur ein paar Strassen weiter, aber in einer ganz anderen Stadt. Einer Stadt, in der keine Biennale für zeitgenössische Kunst stattfinden konnte.

Mehr dazu: foto-ernst.ch, www.zanier.ch 

Stephan Pörtner ist Autor und Übersetzer in Zürich und haut gerne Neuwortschöpfungen in die Pfanne.