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Wörter von Pörtner
Schlechte Verlierer

Donald Trump kündigt es schon an: Sollte er die Präsidentenwahl verlieren, ist er Opfer eines Betrugs geworden. Ein Nationalrat wittert in der verlorenen Volksabstimmung einen Sieg der Elite. Vergessen die eigene Maxime: Wenn das Volk entschieden hat, muss die Regierung schweigen. Wenn das Volk anders entscheidet als gewünscht, ist es ganz einfach nicht mehr das Volk. Ein Kabarettist, bei dem es nicht mehr so läuft wie auch schon, sieht sich als Opfer von Verleumdung und Verschwörung. Unmöglich, dass die Niederlage etwas mit dem eigenen Verhalten zu tun haben könnte, undenkbar, nicht recht zu haben. Die schlechten Verlierer sind allesamt Leute, die gern und viel austeilen und für jene, die sich über ihre mitunter heftigen und unfairen Attacken beklagen, nur Hohn und Spott übrighaben. Werden sie selber angegriffen, erweisen sie sich als Mimosen und Jammerlappen. Man kennt diesen Typus vom Spielplatz: grosse Klappe, die Kleineren drangsalieren, ihnen alles wegnehmen, und wenn sich jemand wehrt, heulend zusammenbrechen. Manche Kinder wachsen aus diesem Verhalten heraus, andere wachsen als Erwachsene erst hinein. Weil sie überzeugt sind, dass ihre Meinung – egal, wie widersprüchlich oder widerlegbar – die Wahrheit ist. Und nicht nur das: Es ist die einzig mögliche Wahrheit und die würde sich – so ihre narzisstische Allmachtsfantasie – durchsetzen, ginge es denn mit rechten Dingen zu. Andernfalls kann es sich nur um Schiebung handeln. Fakten spielen keine Rolle. Kritik an ihren Thesen dulden sie nicht. Um nicht auf ihre Argumente eingehen zu müssen, diffamieren sie ihre Gegner als böswillig oder dumm. Selbst als Opfer sind sie die Grössten. Sie werden nicht kritisiert, sie werden gesteinigt, gelyncht, gekreuzigt. Darunter machen sie es nicht. Der GRÖSCHWAZ (Grösste Schweizer aller Zeiten) stellt sich mit den Opfern des Holocaust gleich, wenn er eine Abstimmung verliert. So gefährlich ist Meinungsvielfalt.

Nun könnte man das Gezeter der schlechten Verlierer mit einem Achselzucken abtun, wie auf dem Spielplatz. Doch schlechte Verlierer sind gefährlich. Sie schieben die Schuld für ihr Versagen auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe. Egal, wie marginal und intern zersplittert diese ist, wie wenig Einfluss sie hat, wie wenige Medien sie kontrolliert, laut den schlechten Verlierern bildet sie eine einheitliche und übermächtige Front, die nach Belieben schalten und walten kann. Klassische Verschwörungstheorie. Und natürlich kann eine so kleine, dumme Minderheit nur mit unfairen Mitteln an die Schalthebel der Macht gelangt sein. Die schlechten Verlierer sind die Anständigen, die aufgrund ihrer Anständigkeit stets zum Scheitern verurteilt sind, weil die (hier Name der beschuldigten Gruppe eintragen) keine andere Meinung gelten lässt und die Wahrheit mit allen Mitteln unterdrückt.

Klar, dass sie sich das nicht ewig bieten lassen können. Eines Tages werden sie gegen die Unfairen mit unfairen Mitteln vorgehen müssen, um Wahrheit und Anstand zu ihrem Recht zu verhelfen. Die Opfer sind dann selber schuld und verdienen kein Mitleid. Darauf läuft das Geschrei der schlechten Verlierer hinaus.

Stephan Pörtner ist Autor und Übersetzer in Zürich und haut gerne Neuwortschöpfungen in die Pfanne.