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Wörter von Pörtner
Bescheidenheitsprahlen

«Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr», besagt ein altes Sprichwort, von dem mir nie ganz klar war, ob es ernst gemeint ist oder nicht. Wie dem auch sei, es gilt ohnehin nicht mehr. Denn sich mit Bescheidenheit zu zieren, ist derart beliebt, dass es im Englischen einen Namen dafür gibt: Humblebragging, was ungefähr soviel heisst wie Bescheidenheitsprahlen. Auch wenn es bei uns noch kein griffiges Wort dafür gibt, die Technik ist weit verbreitet. Wann immer eine Person vor die Kamera tritt, in einer Talkrunde Platz nimmt, um sogleich klarzustellen, es ginge ihr überhaupt nicht um sich selbst, sondern nur um die Sache, ist es Humblebragging. «Seht, wie selbstlos ich mich für die gute Sache einsetze, ohne Rücksicht auf meine natürliche Schüchternheit.» Blödsinn. Niemand sieht und hört sich so gerne wie jene Leute, die stets betonen müssen, wie unangenehm ihnen der öffentliche Auftritt sei. Ebenso wenig sind Prominente zu bedauern, die klagen, mit ihrer Wohltätigkeitsorganisation ja nur ein Tropfen auf dem heissen Stein zu sein, und so gerne mehr tun würden. Wir haben verstanden: Sie engagieren sich, wir nicht. Schande. Jene, die ihre Gutmütigkeit und Freundlichkeit als ihre grösste Schwäche anführen, haben es meist unter grobem Ellbogeneinsatz an ihren Platz geschafft. Oder jene, die als grösste Schwäche ihren Perfektionismus nennen – falls jemand noch nicht bemerkt haben sollte, dass sie perfekt sind. Besonders grassiert das Humblebragging im Internet: Der Blogger, der schreibt, er nötige rund 9000 Follower, an seinem Leben teilzuhaben, will damit angeben, sonst nichts. Das Wort «nötigen» ist reiner Zierrat. Facebook ist voller Posts wie dieser: «Habe gerade erfahren, dass ich für den XYZ-Preis vorgeschlagen wurde, das muss eine Verwechslung sein/die Jury war wohl besoffen/von Sinnen.» «Nicht einmal in Berlin kann ich in Ruhe ein Bier trinken, ohne erkannt zu werden. Vollstress.» «Ausgerechnet als Roger Federer auf meiner Jacht vorbeikam, trug ich diese alte Badehose. Wie lächerlich ich auf dem Foto nur aussehe!»

Humblebragging gibt es aber schon viel länger als das Internet. Wo immer Menschen zusammenkommen, fallen Sätze wie: «Es mir immer peinlich, wenn ich mich selber im Fernsehen sehe.» «Sei froh, dass du Mieter bist, du glaubst nicht, was so ein Haus mit Garten für Arbeit macht.»

Ein Milliardär behauptet, er wäre am liebsten Bauer geworden. Darum das Jus-Studium bis zur Promotion. Zum Kühemelken braucht es bekanntlich einen Doktortitel. Der bescheidene Berufswunsch macht sich halt besser, als ehrlich zu sagen: Ich wollte schon immer der mächtigste und reichste Mann im ganzen Land sein. Bei Start-ups gehört die Floskel, man strebe keinen persönlichen Reichtum an, sondern wolle «die Welt verbessern», schon derart zum Repertoire, dass sie in der grandiosen Satireserie «Silicon Valley» ausgiebig zitiert wird. Bescheidenheitsprahlen ist überall. Sie glauben ja nicht, wie es mich ärgert, wenn mir Leute sagen, dass sie Surprise nur wegen meiner Kolumne kaufen. Mir geht es doch nur um die gute Sache.