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Wörter von Pörtner
Yogisches Schwingen

Die Schwingsaison geht dem Ende zu. Ohne ein ausgewiesener Fan oder Fachmann zu sein, interessiert mich das Schwingen. Ich besuche hin und wieder ein Schwingfest, meist ein kleines, Mega-Anlässe wie das Eidgenössische meide ich. Dieses Interesse stösst in meinem urbanen Umfeld oft auf Unverständnis, ja Ablehnung. Ich solle doch das Schwingen den Bauern überlassen, was ich mit dieser ländlichen Kultur am Hut habe, werde ich gefragt. Der Hinweis, dass der Schwingklub der Stadt Zürich einer der ältesten des Landes ist und das Schwingen auch in der Arbeiterbewegung praktiziert wurde, stösst auf taube Ohren. Wenn ich ans Zürcher Kantonale gehe, muss ich meist nicht weit reisen, es findet manchmal in unmittelbar an die Stadt grenzenden Gemeinden statt, einmal weniger als zwei Kilometer von meiner Haustür entfernt. Ich ziehe fürs Schwingfest kein Edelweisshemd an, sondern das, was ich immer trage. Ich bin durchaus als Städter zu erkennen. Das Schwingervolk, das nur zu einem kleinen Teil aus Bauern besteht, hat es mir noch nie verübelt oder den Wunsch geäussert, von meinereins in Ruhe gelassen zu werden. Im Gegenteil, man ist froh um das Eintrittsgeld und den konsumierten Most.

Kommt das Gespräch in denselben Kreisen auf Yoga, für das ich mich ebenfalls interessiere, das ich sogar aktiv betreibe, fand noch niemand, ich solle es doch lieber den Indern überlassen, niemand fragt, was ich mit dieser fremden Kultur am Hut habe. Etwas erstaunlich ist es schon, dass die Tätigkeit, die ihren Ursprung in meiner unmittelbaren Umgebung hat, als exotischer und fremder empfunden wird als jene, die tausende Kilometer entfernt entwickelt wurde. Viele der Leute, die ich kenne, stammen aus dem suburbanen Bildungsbürgertum und vollziehen in ihrer Lebenszeit den Abstieg ins urbane Bildungsprekariat. Fürchten sie, sich mit dem Stallgeruch jener undefinierbaren Gegenden zwischen den grossen Ballungszentren anzustecken, wo das Wohneigentum zwischen Bauernhäusern und Kuhwiesen gedeiht und dem so viele von ihnen entstammen, doch mühsam entflohen sind?

Sich mit fremden Kulturen und deren Traditionen – je älter desto besser – zu beschäftigen, ist hochangesehen. Die eigene Kultur, so fremd sie einem auch sein mag, interessiert weniger.

Fremde Bräuche stehen für Weltoffenheit, heimische Traditionen für Rückschrittlichkeit. Dabei haben Schwingen und Yoga unter anderem gemeinsam, dass ihre Herkunft umstritten ist und beides schon fast untergegangen war, bevor sie von sich nach Urtümlichem und Unverfälschtem sehnenden Leuten wiederentdeckt wurden. Beide boomen seit geraumer Zeit. Schwingen wird gleichgesetzt mit der SVP und ihren Werten. Dass die nationalistischen Hindus Yoga für ihre Zwecke instrumentalisieren, stört weniger. Indien liegt den Stadtbewohnern näher als Mostindien, sie waren eher schon in Goa als in Gachnang. Weil ich davon überzeugt bin, dass die Menschen im Grossen und Ganzen überall auf der Welt gleich sind, kommt es mir nicht drauf an, woher die seltsamen Bräuche stammen, für die ich mich interessiere. Eine Weltoffenheit, die ignoriert, was vor der eigenen Haustür passiert, wird auch kaum erfassen, wie es auf der Welt zuund hergeht.