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Wörter von Pörtner
Gespenster

«Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.» So begann 1848, einer Zeit grosser technischer und gesellschaftlicher Umwälzungen, das Kommunistische Manifest, in dem sich Marx darüber lustig machte, wie sehr sich die herrschenden Klassen vor diesem Gespenst fürchteten. Heute geht das Gespenst des Rechtspopulismus um, nicht nur in Europa. Es gibt durchaus Gründe, dieses Gespenst zu fürchten. Es gelingt den Rechtspopulisten zusehends, traditionell links stimmende Arbeitende und Angestellte für sich zu gewinnen. In Frankreich laufen ganze Regionen wie ElsassLothringen von den Sozialisten zum Front National über. Auf den ersten Blick sieht das nach einem radikalen Wandel aus.

Die Rechtspopulisten und Rechtsextremen haben den Begriff der Lügenpresse etabliert: Nur was in den von ihnen kontrollierten Medien steht, stimmt. Es gibt nur noch eine Wahrheit. Alles, was dieser widerspricht, wird zu Lüge und hinterhältiger Manipulation. Eine derart kritische Haltung, ja Ablehnung den Medien gegenüber war bis vor nicht allzu langer Zeit vor allem in linken Kreisen verbreitet: Vordenker wie Noam Chomsky wiesen nach, dass die Medien sich fest im Griff der Grosskonzerne und Werbekunden befanden. Diese bestimmten, was das Publikum lesen durfte, welchen Themen und Konflikten Beachtung geschenkt wurde. Dadurch verzerrten sie die Wahrnehmung der breiten Massen, so die Lesart. Ein weitum beklagtes Phänomen war das volksverdummende Fernsehen, das die Menschen zu gefügigen Konsumenten anästhetisierte, die sich mehr für das Liebesleben von Prominenten als für die schleichende Entrechtung und Enteignung der eigenen Schicht interessierten. Chomskys Analyse traf damals weitgehend zu, auch auf jene Medien, die in der heutigen, komplett veränderten Medienlandschaft von den ins Internet abgewanderten Werbegeldern bedroht sind. Nun gelten sie plötzlich als Garanten von Meinungsvielfalt und Objektivität. Sich mit diesen Zeitungen und Sendern, die teils staatlich, teils im Besitz schwerreicher Unternehmer sind, zu solidarisieren, empfindet mancher gestandene Linke als Verrat an den eigenen Werten. Vertrauter ist da das Gefühl, Widerstand zu leisten gegen einen übermächtigen Gegner, der trickst und schummelt. Das ist einerseits frustrierend und erschöpfend, die Gewissheit jedoch, auf der richtigen Seite zu stehen, zu den wenigen Eingeweihten zu gehören, entschädigt für vieles.

Genauso fühlen die Anhänger der rechtspopulistischen Parteien. Zu ihnen überzulaufen, bedeutet daher kein radikales Umdenken, eher eine Koordinatenverschiebung. Aus dem Establishment wird die Elite, aus dem Schweinesystem die EU, aus den Bonzen die Flüchtlinge. Wer an einem einfachen, überschaubaren Weltbild mit klaren Fronten interessiert ist, wird bei diesen Parteien eine Heimat finden. Wenn sie an die Macht kommen, wurden sie nicht von Ausserirdischen oder Fanatikern gewählt, sondern von ganz normalen Menschen, von Kolleginnen, Nachbarn und Bekannten, mitunter sogar Freundinnen.

Schon im Dritten Reich gab es einen Witz, der besagte, dass auf einmal so viele Hakenkreuzfahnen von den Fenstern wehten, weil die Leute die roten Fahnen bereits besessen hatten und nur noch leicht abändern mussten.

 

Stephan Pörtner schaut an seinem Zürcher Fenster immer erst nach links und rechts, bevor er die weisse Fahne hisst.