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Wörter von Pörtner
Gespenster (2)

Warum laufen die Leute von den traditionellen Linksparteien zu den rechtspopulistischen über? Ein Grund ist die Ablehnung des parlamentarischen Betriebs und die Geringschätzung von Politkern. Die 68er-Rebellion wurde von der APO angeführt, der Ausserparlamentarischen Opposition. «Nur die allergrössten Kälber wählen ihre Schlächter selber», hiess damals das Motto. Hierzulande wollte die Jugendbewegung 1980 aus dem Staat «Gurkensalat» machen. Diese Haltung hat unterdessen die äussere Rechte übernommen und hetzt gegen Politikerinnen und Parlamentarier. Ausgenommen sind die eigenen Leute, die als eine Art Anti-Politiker verkauft werden.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist das Entmenschlichen des politischen Gegners: Die radikale Linke nannte den gesamten Politbetrieb «das kapitalistische Schweinesystem». Seine willfährigen Büttel, die Polizei, wurden «Bullen» genannt. Jene Wirtschaftslenker und Politiker, die den Rebellen zufolge alle Fäden in der Hand hielten, wurden «das Establishment» oder einfach «Schweine» genannt. Dies sollte schon damals die Hemmschwelle senken, Gewalt anzuwenden. Dieser Wirkung sind sich auch diejenigen bewusst, die heute ihre Gegner als Schafe, Raben oder Ratten darstellen.

Bis heute weigern sich Mitglieder der RAF, die deutschen Gerichte anzuerkennen und mit ihnen zu kollaborieren, weil sie «Klassenjustiz» übten. Derzeit versuchen rechtspopulistische Kreise, die Justiz als dritte Kraft auszuhebeln, davon zeugt unter anderem der Angriff der SVP auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Die Denkmuster sind nicht gegensätzlich, nur anders ausgerichtet. Die meisten Menschen wollen Teil einer Gruppe sein oder zumindest einem Umfeld angehören. Dort werden viele Themen gar nicht diskutiert, es wird vorausgesetzt, dass alle, die dazugehören, derselben Meinung sind. Grenzen sollten nicht nur für Waren offen sein, fremde Kulturen sind interessant, der öffentliche Verkehr ist vorzuziehen und Astrologie ernstzunehmen, findet das linksliberale Milieu und hinterfragt es nicht – so wie man im rechtskonservativen Dorf weiss, dass Ausländer kriminell sind, Autofahrer ausgenommen werden, Fleischesser eine verfolgte Minderheit sind und Astrologie ernstzunehmen ist. Sobald allen, die man kennt und schätzt, klar zu sein scheint, welche Position man in einer bestimmten Frage einnimmt oder welche Partei man wählt, wird das schon seinen Grund haben, und man schliesst sich dem an. Man vertraut seinem Umfeld, will nicht anecken und mühsame Diskussionen führen, hat keine Zeit, sich mit den komplexen Themen zu beschäftigen. Gelingt es, einen ausreichenden Teil der Leute zu überzeugen, gewinnt man weitere Teile hinzu, die sich aus Konformität anschliessen. Also ist es wichtig, ein gutes Image zu haben. Darum versuchen rechte Parteiblätter, ihre angepassten Anzugträger als freche Rebellen zu verkaufen, darum hat die als spröde und betulich wahrgenommene Linke ein Problem mit ihrem Image als Spassbremse.

Denn wie spottet man in Hollywood? Politik ist Showbusiness für Hässliche.

Stephan Pörtner ist freier Autor in Zürich. Er wehrt sich gegen die Vermenschlichung von Ratten, Raben und Schafen. Die Tiere haben Besseres verdient

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