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Strassenmagazin: Wörter von Pörtner
Freunde

Der Mensch ist ein soziales Wesen und braucht Freunde, daran besteht kein Zweifel. Die Frage ist nur: wie viele? Schon in Kinderbüchern wird uns vermittelt, dass mit Freunden alles viel mehr Spass macht, dass es unabdingbar ist, viele davon zu haben. Im Erwachsenenleben werden Freunde zu Status­ symbolen. Die einen prahlen damit, Wirtschaftsführerinnen, Politiker, Sportlerinnen und Stars zu ihren Freunden zu zählen. Andere erwähnen gerne die Diversität ihres Freundes­ kreises, zu denen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zählen, ganz hoch im Kurs zurzeit Flüchtlinge, nicht mehr so aktuell: Latinos.

Freunde sollten interessante Menschen mit spannenden Biogra­ fien sein. Das impliziert, dass man selber zu diesem Menschenschlag gehört, wie man sich bei gemeinsamen Nachtessen mit Freunden und Freundesfreunden gegenseitig bestätigt. Das ist schön für Leute, die kontaktfreudig und extrovertiert, die gerne mit anderen zusammen sind. Es gibt aber viele Menschen, für die das Zusammensein mit mehreren Leuten mehr Stress als Erholung bedeutet. Diese Menschen glauben, etwas stimme nicht mit ihnen, wenn sie sich in der Gesellschaft von «interessanten» Menschen – die oft laut, selbstbezogen und dominant sind – nicht wohlfühlen, sondern das Alleinsein oder aber das Zusam­ mensein mit ein, zwei Personen bevorzugen, die kein aufregen­ des Leben, hochtrabende Ziele oder spannende Jobs haben.

Im schlechtesten Fall entdecken sie das Wundermittel, das hilft, kontaktfreudig zu sein und die eigene Person ein wenig zu überhöhen: den Alkohol. Dessen Wirkung erlaubt auch scheuen, introvertierten, einzelgängerischen Menschen, sich in Gesellschaft zu begeben und sich dort unauffällig zu verhal­ ten, beziehungsweise ebenso auffällig wie die anderen. Der Haken daran ist, dass sie leicht zu viel trinken, sich zu sehr an das Wundermittel gewöhnen und somit bald wieder in die alte Aussenseiterrolle zurückfallen, nun aber mit einem Alkoholproblem oder einem heftigen Kater. Es gab früher einmal eine Werbung der alkoholfreien Schaumweinmarke Rimuss: «Für Menschen, die auch ohne Alkohol fröhlich sein können.» Inspiriert davon entstand der Club Rimuss: «Für Alkoholiker, die auch ohne Menschen fröhlich sein können.» Die Mitglieder sind nach der Gründung nie mehr zusammengekommen.

Wie fragil das Konzept der Freundschaft ist, erfahren diejenigen, die ihren Status als interessante Menschen, also ihren Job, ihren Erfolg oder ihre Schönheit verlieren. Die Gefahr, aus dem Kreis der sich gegenseitig bewundernden und bestätigenden Menschen ausgeschlossen zu werden, verursacht Angst, weil man glaubt, dass nur Menschen mit vielen Freunden richtig leben. So kann das Zusammensein mit Freunden zu einer Art Wettbewerb um den Status, die Position in der Freundes­ hierarchie ausarten, bei dem Allianzen geschmiedet und an Stühlen gesägt wird. In aller Freundschaft natürlich.

Dabei lässt es sich auch als durchschnittlicher Mensch mit we­ nigen Freunden, die man bestenfalls auch nur selten sieht, genauso gut leben. Nur sagt einem das keiner, weil sonst der Genussmittelindustrie und der Gastronomie herbe Einbussen drohen würden.

Stephan Pörtner fragt sich, was wohl seine Freunde über diese Kolumne denken würden. Wenn er Freunde hätte. Die denken könnten.

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