Skip to main content
Wörter von Pörtner
Der Aufstand der Alten

Bei einer Umfrage über die weniger angenehmen Eigenheiten der Schweizerinnen und Schweizer (genau genommen, die als weniger angenehm empfundenen Eigenheiten, denn wir haben selbstredend nur angenehme Eigenheiten) unter jenen Ausländern, die nicht Ausländer, sondern Expats heissen, weil sie englisch sprechen und Jobs haben, die wir auch machen würden, wurde unter anderem das permanente Vordrängeln der Pensionierten genannt. Wir haben uns schon derart daran gewöhnt, dass es uns kaum mehr auffällt. Wohl sang die Schweizer Band Stahlberger einst über «Gwaltbereiti Alti», aber grösstenteils lässt man sie gewähren. Dieses Problem, das wage ich vorherzusagen, wird sich noch verschärfen. Diejenigen, die mir mit dem Auto den Weg abschneiden, die mit dem Velo – gerne auch: dem E-Velo – ungebremst durch die Fussgängerzone brettern, die zwischen den Regalen in der Migros die Ellenbogen ausfahren, sie haben eines gemeinsam: die grauen Haare. Die heutige Generation rüstiger Rentner, die in Züge und Busse drängt und an Schaltern abkürzt, war in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren jung, als das Hinterfragen und Brechen von starren Regeln als Akt der Rebellion wider die Obrigkeitsgläubigkeit der Kriegsgeneration erlebt wurde und noch nicht zur Parole für den Verkauf von Sportartikeln und Motorfahrzeugen verkommen war. Wenn auch nur ein kleiner Teil aktiv an dieser Rebellion teilgenommen hat, so machten sich selbst erbitterte Gegner die erkämpften Freiheiten rasch zu eigen. So haben wir es mit einer Generation zu tun, die fast fünfzig Jahre Erfahrung im Die-Füsse-auf-die-Sitzbank-legen hat und sich, angefeuert von einer den Altersstarrsinn verklärenden Jetzt-erst-recht-Philosophie, nicht mehr ändern wird. Die zukünftigen Pensionierten, und das ist der wahre Grund zur Besorgnis, sind die Leute in meinem Alter. Der endgültige Bruch mit jeder Konvention, eine als Individualität missverstandene Rüpelhaftigkeit hat uns geprägt. Für uns waren die jetzigen Alten die lahmen Hippies, denen es in den Hintern zu treten galt. Dieser Geist ist noch wach und munter, wenn auch in abgekämpften Körpern und matt gewordenen Köpfen. Punkkonzerte sind 50plus- Veranstaltungen, die No-Future-Generation hält sich erstaunlich zäh. Vor rund vier Jahrzehnten begehrte sie gegen die Gesellschaft und die Politik auf, heute hat sie diese auf ihrer Seite, und sei es nur aus demografischen Gründen. Keine Partei legt sich mit den Alten und Pensionierten an. Es gibt einfach zu viele davon. Sie werden umworben, sie entscheiden Abstimmungen, sie bestimmen die Zukunft, an der sie nicht teilnehmen werden. Wer ein Höchststimmrechtsalter fordert, ist politisch erledigt. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich die AHV sanieren liesse, wenn sie nur denjenigen zukäme, die sie brauchen. Auch die Rentner-Vergünstigungen gelten für alle, egal wie reich oder arm sie sind. Daran wird sich nichts ändern. Diese Sonderbehandlung führt zu einem ausgeprägten Gefühl des Berechtigtseins, das sich in schlechten Manieren niederschlägt. So braucht sich niemand zu wundern, wenn es statt der seit Jahrzehnten ausbleibenden Jugendunruhen dereinst zu Alterskrawallen kommt, mit denselben Leuten wie seinerzeit. Nur das mit dem Wegrennen wird schwierig.