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Wörter von Pörtner
Selbstfahrzeuge

Wer die Lebensmitte deutlich hinter sich gelassen hat, neigt entweder dazu, die Vergangenheit so weit zu verklären, dass sie zurückwünschenswert erscheint, oder versucht durch bedingungsloses Mitmachen und Befürworten neuer Trends der unausweichlichen Zurechnung zum alten Eisen zu entgehen. Ich gebe mir Mühe, in keine dieser beiden Fallen zu tappen. Trotzdem erfüllt mich eine für die nahe Zukunft in Aussicht gestellte Erfindung mit grosser Hoffnung und Zuversicht: selbstfahrende Autos.

Schauen Sie sich eine beliebige Autowerbung an. Es wird nicht oder nur am Rande mit technischen Finessen geworben. An erster Stelle stehen die Emotionen – und die sind beim Lenken eines Fahrzeuges denkbar fehl am Platz. Es gibt unzählige Möglichkeiten, Emotionen auszuleben: Beziehungen, Sport, Politik, Spiritualität, Familie. Im Verkehr verursachen sie Behinderungen, Ärgernisse und Unfälle. Wahrscheinlich werden die ersten selbstfahrenden Fahrzeuge Lastwagen sein. Kaum auszurechnen, wie viel flüssiger der Verkehr auf der Autobahn liefe, wenn sich Lastwagen nicht mehr in langwierigen Manövern überholen würden, um 60 Kilometer später mit einem Vorsprung von 15 Sekunden auf den Parkplatz einer Raststätte zu fahren. Es gäbe weder Raser noch Bummler, ein harmonischer Strom von Fahrzeugen, da Prozessoren nicht das Geschlechtsteil abfault, wenn sie nicht überholen dürfen. Interessant wird auch, wie diese selbstfahrenden Autos aussehen werden. Da die Dinger ja nur noch selten ineinanderkrachen, wäre die vorherrschende Übermotorisierung kaum mehr zu rechtfertigen – Geschwindigkeitsübertretungen würden die Hersteller aus versicherungstechnischen Gründen sowieso nicht zulassen. Im Stadtverkehr kämen alle viel besser aneinander vorbei, weil der Computer im Gegensatz zum Menschen rechnen kann: So würde der Abstand zum entgegenkommenden Auto nicht mehr mindestens einen Meter betragen, während bei den Velos auf der anderen Seite fünf Zentimeter genügen sollen. Kein Drängeln, kein Wegabschneiden, kein Abbiegen ohne Blinker und vor allem kein Erziehen der anderen Verkehrsteilnehmer mehr. Möglich, dass die menschengesteuerten Velos, Töffs und Roller dann ständig gegen die korrekt fahrenden Maschinen donnern, weil sie eben immer noch emotional unterwegs sind. Die Versicherungsprämien fürs Selbstfahren würden rasant ansteigen. Bald gäbe es sogar selbstfahrende Velos oder Fahrzeuge, bei denen man mit Muskelkraft Energie einspeisen kann. Nach ein paar Jahren würde man sich nur noch kopfschüttelnd an die Zeit erinnern, in der Menschen Fahrzeuge selbst gelenkt haben, eine Tätigkeit, zu der sie entgegen weitverbreiteter und tiefster Überzeugung denkbar ungeeignet waren.

Es sei denn, eben diese Überzeugung verhindert, dass sich die Selbstfahrzeuge überhaupt durchsetzen. Weil es uns schwerfällt einzugestehen, dass wir nicht die Krone der Schöpfung, sondern höchst unzulängliche Wesen sind, die notorisch dazu neigen, die eigenen Fähigkeiten masslos zu überschätzen.

Ausser den paar wirklich schlauen Menschen, die in der Lage sind, Dinge wie Selbstfahrzeuge erfinden. Am besten solche, die keine Emissionen verursachen.