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Moumouni
Moumouni … ist verrückt.

Was ist eigentlich normal? Und kann man daran noch was schrauben? Oder muss Transfeindlichkeit beispielsweise für immer normal bleiben, nur weil viele Menschen Transmenschen nicht normal finden? Und ist normal gleich gut? Schon klar: Genderdiskriminierung ist normal. Es ist aber auch normal, sich darüber aufzuregen. Oder? Je nachdem. Gibt ja auch Leute, die das einfach nicht stört. Oder die «Besseres zu tun haben». Oder jene, die sich gar nicht trauen, daran zu rütteln.

Es ist sicher Meinungssache, wo es sich lohnt, zu rütteln. Und auch, wo die Prioritäten gesetzt werden. Aber die Frage, ob überhaupt etwas gemacht werden muss, finde ich persönlich nicht normal.

Ein Beispiel: Ich engagiere mich in einer Gruppe, die sich für die Entfernung eines rassistischen Wandbildes in einer Berner Primarschule einsetzt. Die Schule hat sich 1949 ein Wandbild gegönnt, eine Auftragsarbeit von zwei Künstlern, Thema Alphabet. Die beiden Künstler haben ein Wandbild erstellt, bei dem jedem Buchstaben ein Tier oder eine Pflanze zugeordnet wird. Alles schön und gut. Und dann wohl ein Chinese für C, ein indigener Amerikaner für I und eine Schwarze Person für N. 

Jaja, natürlich ist nicht allen Menschen sofort klar, was hier das Problem ist. Viele sind aber auch schlicht nicht alphabetisiert, was das Thema angeht.

Die Gruppe sagt: Das Wandbild muss weg. Es graust uns davor, dass bis heute Schwarze Kinder in diese Schule gehen und mit Tiervergleichen sowie dem N-Wort konfrontiert sind. Es graust uns, dass die anhaltende Romantisierung des «Indianers» einen unreflektierten Platz an einer Schulwand findet, während der Genozid an den Indigenen in den USA nicht als solcher benannt wird: Meistens hat im Unterricht doch Christopher Kolumbus ganz naiv und freudig Amerika und die «Indians» «entdeckt», von denen wir weiter Weisheiten lernen wie: «Indianer kennen keinen Schmerz», was im Zusammenhang mit einem Genozid und der fortwährenden Benachteiligung von Indigenen weltweit ziemlich makaber ist. 

Die Gruppe hat nun eine Ausschreibung der Stadt Bern gewonnen, bei der es um einen produktiven Umgang mit dem Wandbild ging. Der beschlossene Vorschlag ist jetzt also: Das Bild wird abgenommen und einem Museum geschenkt, wo es entsprechend eingeordnet und diskutiert wird. Dort ist auch Platz für die Ambivalenz, dass die Künstler nämlich eigentlich humanistisch und weltoffen waren (was nicht vor rassistischen Stereotypen schützt – verrückt oder?). Restauratorisch ist unser Vorschlag absurd: Diverse Restaurator*innen sagen, es ginge gegen das Arbeitsethos, ein Kunstwerk durch die Abnahme mutwillig zu gefährden. Das Ganze wird auch ziemlich teuer, das finde ich selbst absurd. Von mir aus könnte man es auch einfach überstreichen und ein neues Bild malen, doch da wären einige Leute beleidigt. 

Also wählen wir den verrückteren, dafür nachhaltigeren Weg: Die Diskussion ins Museum tragen, da wo antiquiertes hingehört, um pluralistisch über Kunst, Erhaltenswertes und rassistische Stereotypen sprechen, während die Kinder nicht weiter mit dem Thema behelligt und vor allem nicht mehr mit dem N-Wort alphabetisiert werden. Für mich macht das Sinn, für diverse Leute ist es vollkommen unnötig, reaktionär und laut einem Zeitungsartikel in der Zeitung Der Bund absurderweise mit der Bücherverbrennung der NS-Zeit gleichzusetzen.

Lieber verrückt, als normal im Sinne einer Gesellschaft, die sich nicht ändern und auf keinen Fall hinterfragen will.