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Verkäufer*innenkolumne
28.8.2021 um 21:27

MICHAEL HOFER, 41, verkauft Surprise in Zürich Oerlikon. Er fragt sich, ob seine Nachbarin je etwas gesehen hat von der Welt.

Ja, so heisst der Titel dieser Kolumne. Das ist mir nämlich genau dann passiert:

Ich ging am Abend vor meiner Haustür um die Ecke, da kam eine Frau und fragte mich, ob alles in Ordnung sei bei mir.

Ich sagte: «Aber klar, warum?»

Da antwortete sie: «Weil du keine Schuhe anhast.»

Ich musste sie nun fragen, ob sie jemals einen Menschen gesehen habe. Ich hatte da wirklich keine Schuhe an, und es regnete, doch es war August und nicht so kalt.

Die Dame fragte mich, wo ich wohnte, und ich antwortete: «Gleich hier.» Sie wollte noch mein Haus sehen und zeigte mit dem Finger auf ihr eigenes Haus gegenüber, mit braunen Fensterläden. Ich hatte die Frau vorher noch nie gesehen. Sie hatte braune Augen und braune Haare.

Nun fragte sie mich, ob meine Familie wisse, dass ich jetzt barfuss draussen sei, da antwortete ich: «Klar wissen die es.»

Ich fragte die Frau, ob sie scharf sei auf mich.

Darauf gab sie keine Antwort, sie sagte aber, dass sie sich Sorgen mache um mich.

Da machte ich sie darauf aufmerksam, dass sie sich besser Sorgen machen sollte um Corona, Afghanistan, den Klimawandel oder Eritrea.

Da sagt sie gar nichts mehr und ging über die Strasse zu sich nachhause.

Es war 21.30 Uhr.


Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und Stephan Pörtner erarbeitet. Die Illustration zur Kolumne entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.