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Nairobi, Mustard Seed Court: Dass diese grüne Ecke etwas Besonderes ist, lässt sich im Vergleich zur Umgebung erahnen.

Stadtplanung
Der Traum vom Garten

Dandora, ein Viertel der kenianischen Hauptstadt Nairobi, drohte zu verelenden. Bis die Bevölkerung die Stadtgestaltung selbst in die Hand nahm.

Auf der gepflegten Strasse, bekannt als Badilisha Street (in der Landessprache Suaheli sinngemäss: die Strasse des Wandels) ist ständig Betrieb. Viele kleine Geschäfte reihen sich hier aneinander: Haarsalon, Teehaus, Kiosk und eine Videothek mit selbstgebrannten DVDs. Ein grün-orange bemaltes Haus sticht ins Auge: der Hauptsitz der «Dandora Transformation League», jener Bürgerinitiative aus dem Quartier, der Dandora sein sauberes Strassenbild verdankt. Hier befindet sich auch das Büro ihres Gründers Charles Gachanga. Man betritt sein Reich durch ein Stahltor mit der Aufschrift «Mustard Seed Court». Mit Senfsamen hat der Ort, so scheint es, zwar nicht viel zu tun. Doch davon später.

Hundert Meter weiter erreicht man durch den engen Hofweg eine grüne Wiese, wo der grossgewachsene Mann Anfang vierzig seine einjährige Tochter an der Hand führt, die gerade ihre ersten Schritte wagt. Dandora ist Teil der sogenannten Eastlands, eines dicht besiedelten Stadtteils im Osten der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Eines der ärmeren Gebiete. Grünflächen oder Bäume gibt es kaum, und Ortskundige sagen, hier sei es ständig zwei bis drei Grad heisser als in den begrünten Oberschichtvierteln im Westen. Orte der Entspannung sind rar inmitten des hektischen Alltags. Auf den Zufahrtstrassen herrscht pausenloser Verkehr. Die Matatus – lokale, privat betriebe Minibusse – oder frisierten Motorräder brausen lärmend und stinkend durch die Hauptstrassen. Obwohl über 60 Prozent der Bewohner*innen von Nairobi zu Fuss unterwegs sind, gibt es kaum sichere Gehwege. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind überaltert und in den Händen von Kartellen. Zum Flanieren und Verweilen lädt die Stadt nicht ein, und diejenigen, die sich das leisten könnten, fahren ohnehin Offroader.

Charles Gachanga ist in Dandora aufgewachsen und hat sämtliche Phasen miterlebt, durch die dieser Stadtteil gegangen ist. Dandora steht dabei exemplarisch für die urbanen Herausforderungen vieler afrikanischer Grossstädte.

Als Gachanga 1978 im Alter von zwei Jahren mit seinen Eltern und fünf Geschwistern in die Siedlung zog, galt Dandora als aufstrebender Bezirk unweit einer Industriezone. Die lokale Textilbranche, die Kaffeehändlergewerkschaft, britische Bauunternehmen oder Autowerkstätten waren hier ansässig und boten zehntausende Arbeitsplätze. Die Bewohner*innen behaupten stolz, in Dandora habe es das erste Kino sowie den ersten Supermarkt der Stadt gegeben. «Jeden Abend vor dem Eindunkeln sassen wir Kinder draussen, wenn die Werksirenen der Fabriken zum Schichtwechsel heulten. Unsere älteren Brüder und Onkel gingen zur Nachtschicht. Wir wohnten in der letzten Strasse vor dem Busch und schauten über die grünen Hügel, wo Antilopen grasten und manchmal auch Elefanten und Giraffen vorbeizogen», erinnert sich Gachanga. Und doch folgte der Abstieg.

 

Von der Mülldeponie zur Siedlung

Nairobi war bereits in den frühen 1970er-Jahren eine der am schnellsten wachsenden Städte weltweit, die Wohnungsnot erreichte alarmierende Ausmasse. Um der Ghettoisierung der Vorstädte entgegenzuwirken, vergab die Weltbank im Rahmen eines Unterstützungsprogramms an die Behörden von Nairobi einen Kredit über 16 Millionen US-Dollar, um kostengünstigen Wohnraum für die Arbeiterklasse zu schaffen. Doch die Parzellen gingen unter der Hand weg und immer mehr Besitzer*innen vermieteten die Wohnflächen illegal. Die Gebäude wurden aufgestockt, um mehr Profit aus den Parzellen zu schlagen. Vierzig Jahre später war Dandora genau zu dem Ghetto geworden, das die Gelder hätten verhindern sollen, mit grassierender Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Die grösste offene Mülldeponie Ostafrikas lag nur wenige hundert Meter entfernt, sonderte giftige Rauchwolken und Dämpfe ab und diente vor allem als Umschlagplatz für Waffen und Drogen. Sämtliche Bemühungen von internationalen Organisationen und der lokalen Politik haben es trotz dem wachsenden Druck aus der Bevölkerung nicht geschafft, ein funktionales Entsorgungssystem zu etablieren.

Charles Gachangas Traum von einem Garten begann 2013, als er von einem mehrjährigen Aufenthalt in Tansania zurückgekehrt war. Er verschickte eine Textnachricht an die Nachbarschaft, um eine Versammlung einzuberufen. «Dandora ist kein Slum, sondern eine Siedlung», tippte er in sein Mobiltelefon. Er schrieb von seinem Traum eines grünen Gartens, wo Kinder spielen und die Älteren sich zum Tee treffen. Wo auf der Wiese Bürgerversammlungen stattfinden, im Schatten der Avocadobäume hinter seinem Elternhaus. An die Versammlung kamen gerade mal zwei Personen: sein alter Freund Mope und ein interessierter Nachbar.

Zu dritt begannen sie die verschüttete Abwasserkanalisation freizulegen und den Müll wegzuschaffen. Gachanga hatte eine Vision: Dandora sollte blühen und der Wandel irgendwann die ganze Stadt erfassen. Das Unternehmen «Mustard Seed» (Senfsamen) war geboren: Was klein beginnt, kann am Ende sehr gross sein. Die Senfpflanze hat einen der ausgeprägtesten Grössenunterschiede zwischen Samen und ausgewachsener Pflanze.

Einen weiteren Mitstreiter fand Gachanga in Robinson Esialimba. Ein Unternehmer, der zwischen Kenia und der Schweiz pendelte und überzeugt war von der Notwendigkeit einer sozialen und lebenswerten Stadt. Er wuchs selbst in den Eastlands von Nairobi auf und erkannte das Potenzial von «Mustard Seed»: grüne, sichere und saubere öffentliche Räume, die eine Basis für einfache Erwerbstätigkeiten bieten würden. Zusammen mit Gachanga entwickelte er eine Strategie. Die Bewohner*innen sollten Serviceleistungen, die der Staat nicht bieten kann – Sicherheit, Müllentsorgung und Kanalreinigung – selbst in die Hand nehmen. Und zwar so: Dandora ist wie ein Raster gebaut. Zu den Wohneinheiten gelangt man über Fusswege, die von der Strasse abgehen. Diese Gassen funktionieren heute als selbstorganisierte Einheiten des Entsorgungsund Sicherheitssystems.

Ein Weg aus der Kriminalität

Und wie würde man nun die jungen Leute von Dandora dazu motivieren, sich in der Aufwertung des öffentlichen Raums zu engagieren? Esialimba hatte eine weitere Idee: ein Gestaltungswettbewerb, für den sich Teams registrieren konnten. Sie sollten einen öffentlichen Raum neugestalten, den sie selbst aussuchten. So wurden innerhalb von zwei Jahren Dutzende Plätze freigelegt und begrünt, es wurden Sitzmöglichkeiten und Spielplätze angelegt. Gachanga und Esialimba gründeten die «Dandora Transformation League», eine Basisorganisation, die ihrem Anliegen eine Anlaufstelle und ein Gesicht gab. 2018 wurde der jährlich stattfindende Wettbewerb zum ersten Mal auf die gesamte Stadt ausgeweitet. Geschätzt 4000 hauptsächlich junge Leute engagierten sich in etwa 200 Gruppen.

Evans Otieno, 28, hat eine illegale Müllkippe hinter seinem Haus in einen wundervollen Garten verwandelt: Im Believers Court, wo jetzt eine Sitzgruppe und eine kleine Bibliothek zum Verweilen einladen, hat er sogar ein öffentliches Klo und eine Hasenzucht eingerichtet. Viel Geld macht Otieno wie alle anderen nicht mit seinem Engagement. Von den Einnahmen für die Serviceleistungen bleiben ihm monatlich etwa 100 Franken, dafür koordiniert er die Einheit und ist eigentlich immer vor Ort.

Doch die Vision von «Mustard Seed» funktioniert. Die Armut trieb viele junge Männer in die Kriminalität, viele hier haben ein Vorstrafenregister. Die örtliche Polizeistelle schätzt, dass die Kriminalitätsrate seit der Gründung der «Dandora Transformation League» um 70 Prozent zurückgegangen ist. Das hält auch der Menschenrechtsaktivist Wilfred Olal für realistisch. Auch er ist in Dandora aufgewachsen und kämpft seit fünfzehn Jahren mit seinem Team aus Freiwilligen gegen Polizeigewalt und die staatliche Vernachlässigung der ärmeren Bevölkerung: «Die Dandora Transformation League hat dem Quartier nicht nur ein völlig neues Erscheinungsbild verliehen, sondern den Leuten Hoffnung gegeben. Die meisten jungen Männer hier sind arbeitslos, und langsam verstehen sie, wie diese Initiative ihnen den Weg zu einem einfachen Einkommen ebnet.»

In Nairobi hat auch die Städteagentur der Vereinten Nationen, UN Habitat, ihren Hauptsitz des globalen Südens. 2012 gründete sie ihr Programm für öffentliche Räume, 2015 machte sie in Nairobi eine Ausschreibung für Stadtentwicklungsprojekte von Graswurzel-Organisationen. Sie hielt nach möglichen Lösungsansätzen von der Basis Ausschau, um das Schwinden von öffentlichen Plätzen aufzuhalten.

Das Konzept von «Mustard Seed» überzeugte die Jury. UN Habitat finanzierte in der Folge die Aufwertung der Badilisha Street. Sie wurde zur Modellstrasse mit gepflegtem Kopfsteinpflaster und damit nicht nur attraktiver, sondern auch belebter und sicherer. Ladenbesitzer*innen können heute ihre kleinen Geschäfte sorgloser betreiben als früher. Andere arbeiten als Reinigungspersonal oder als Sicherheitsaufsicht, sie waschen Matatus und bewachen Parkplätze oder vermieten die neu geschaffenen Gemeinschaftsplätze für private Veranstaltungen. Für den Unterhalt und die nächtliche Bewachung bezahlt die Anwohnerschaft eine Kollekte an die «Dandora Transformation League», was den Freiwilligen ein kleines Einkommen garantiert.

Grosse Namen wie die UNO

In den vergangenen rund zehn Jahren entstanden in den Eastlands, aber auch anderswo in Nairobi immer mehr solcher Graswurzel-Initiativen, die sich zunehmend ihr Recht auf Stadt erkämpfen und den öffentlichen Raum bespielen. Dessen Nutzung und Bewahrung wurde durch die rasante Urbanisierung und damit exponenziell ansteigende Bewohnerzahl immer dringlicher.

Während der vergangenen sieben Jahre steckte Charles Gachanga seine gesamte Energie und sein ganzes Herzblut in sein Projekt. Ohne ihn hätte die Bewegung wohl kaum über Jahre hinweg überlebt, er wurde denn auch mehrfach ausgezeichnet. Trotzdem kann er auch heute noch gerade kaum seine Miete bezahlen. «Während sich die etablierten NGOs ihre Gehälter auszahlen, muss ich meinen Leuten hier erklären, warum die ‹Dandora Transformation League› das nicht tun kann», sagt Gachanga. Er spricht damit ein strukturelles Problem an. Die meisten Basisorganisationen werden von Leuten geleitet, die aus eigenem Antrieb nach möglichen Auswegen aus der Armut suchen. Das führt zu Konflikten innerhalb der Community: hier die Erwartungen der Beteiligten, dort der eigene Überlebenskampf. Und wenn dann die Menschen grosse Namen wie UNO sehen, glauben sie, es käme viel Geld in die Gemeinde.

Politischer Druck durch Netzwerk

Die grösste Herausforderung ist allerdings das etablierte Klassendenken und die politische Kultur in Kenia. Das Selbstverständnis der Politelite ist eher auf persönlichen Gewinn ausgerichtet als darauf, sich in den Dienst des Volkes zu stellen. Politiker*innen sabotieren Initiativen aus dem Volk allzu oft – aus Angst, die Kontrolle zu verlieren.

Gachangas Mitstreiter Robinson Esialimba findet deutliche Worte, was die Beziehung zu einigen Lokalpolitiker*innen in den Eastlands von Nairobi angeht: «Ohne politische Unterstützung könnten solche Initiativen noch überleben. Doch wenn sich Lokalpolitiker dagegen wehren, hast du trotz offizieller Partnerschaft mit dem Bezirksgouverneur keine Chance.» Kaum war die «Dandora Transformation League» als Organisation offiziell eingetragen, gründeten einige Lokalparlamentarier eine eigene Organisation, die behauptete, die gleichen Ziele zu verfolgen. «Sie taten sich allerdings nur durch Sabotage-Akte hervor», ärgert sich Esialimba. Die Lokalpolitiker, die sich offensichtlich durch das Engagement aus der Zivilgesellschaft provoziert fühlten, riefen vor ein paar Jahren zum Boykott der Organisation auf. «Ich habe so viele Initiativen gesehen, die mit Elan starteten und kurz darauf starben», sagt Esialimba. «Aus dem einfachen Grund, dass ihnen die Unterstützung der Regierung zu einer dauerhaften Veränderung fehlte.» Der letzte Gouverneur von Nairobi zeigte sich engagiert und integrierte die «Dandora Transformation League» in sein Programm der Stadtaufwertung. Hunderten von jungen Leuten wurde für ihr Engagement, das in erster Linie Reinigungsund Aufräumarbeiten umfasste, ein monatliches Salär in Aussicht gestellt. Doch der Gouverneur wurde im vergangenen Jahr seines Amtes enthoben. Die Jugend von Dandora wartet bis heute auf ihren Lohn für fünf Monate Arbeit.

Obwohl es etliche Organisationen und Initiativen an der Basis gibt, entsteht wenig politischer Druck auf die Regierung. Olal plant deshalb, noch dieses Jahr ein übergeordnetes Komitee zwischen der «Dandora Transformation League» und anderen Initiativen zu bilden, um eine geeinte Strategie und politische Stimme zu entwickeln. Auch Robinson Esialimbas Vision geht in eine ähnliche Richtung. Er gründete ein Netzwerk, das verschiedene Basisorganisationen mit der Privatwirtschaft zusammenbringen soll. Es könnte nun sein, dass die jahrelangen Bemühungen der Bürgerinitiativen, der beteiligten NGOs und der UN-Organisationen langsam Früchte zu tragen beginnen: Anfang dieses Jahres hat die Stadtregierung von Nairobi immerhin verkündet, dass die Mülldeponie bei Dandora demnächst durch eine hochmoderne Abfallrecyclinganlage ersetzt werden soll.


Die koloniale Stadt

Die Kolonialvergangenheit von Subsahara-Afrika wirkt sich bis heute blockierend auf Stadtentwicklungsprozesse aus. Zum Beispiel in Kenias Hauptstadt Nairobi.

Die ersten Missionare waren bereits Mitte des 19. Jahrhunderts ins Gebiet des heutigen Kenia gekommen, die Engländer besetzten das Gebiet im Zuge der Errichtung des Protektorats Britisch Ostafrika ab 1895. Vor mehr als hundert Jahren wurde dann Nairobi als Transitpunkt für die UgandaEisenbahn der britischen Kolonialverwaltung gebaut, um Mombasa an der Küste des Indischen Ozeans mit dem Viktoriasee im Inneren Ostafrikas zu verbinden. Das Ziel war, Bodenschätze zu fördern. Die Inder kamen als Arbeitskräfte des britischen Empires für den Eisenbahnbau nach Ostafrika.

Ab 1907 löste Nairobi Mombasa als Hauptstadt des Protektorats ab, das 1920 zur britischen Kronkolonie Kenia wurde. Die Hauptstadt Nairobi wurde von Anfang an als entwickelte sich zur archetypische Kolonialstadt gebaut, die Wohngebiete konsequent nach ethnischer Zugehörigkeit trennte. In den grünen Hügeln im Westen wohnten die Europäer, gleich etwas unterhalb und näher zur Innenstadt war das «asiatische Wohnquartier» mit dem Bahnhof. Im zentralen Geschäftsviertel lebten die Inder*innen, unweit der Bazare und Tempel. Im Osten Nairobis, in den heutigen Eastlands, wurden die Behausungen für die wenigen Afrikaner*innen errichtet.

Seit 1936 wuchs die Bevölkerung Nairobis von knapp 50 000 auf 119 000 Einwohner*innen im Jahr 1948, als die erste gesamthafte Volkszählung in Kenia durchgeführt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dann auch zum ersten Mal ein Stadtplan publiziert. Dieser konsolidierte das Prinzip der Segregation, das sich bis heute im Stadtbild manifestiert. In die Wohlstandsquar-tiere der ehemaligen weissen Siedler zog nach der Unabhängigkeit von 1963 die neue einheimische politische Elite. Die geografischen, wirtschaftlichen und politischen Ausschlussmechanismen – durchaus vergleichbar mit jenen des südafrikanischen Apartheidstaates – wirken bis heute nach: zum Beispiel in der rasanten Bildung von informellen Siedlungen, den Slums.

Bis heute ist Nairobi eine stark segregierte Stadt, die Ungleichheit hat weiter zugenommen. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung lebt in dicht besiedelten Vierteln mit schlechter Grundversorgung und oft unter dem Existenzminimum. Gleichzeitig riss eine neue politische Elite auf illegale Weise Landstriche und Grundstücke an sich; öffentlicher Raum kam immer mehr in die Hände von Privatleuten.

Korrupte Strukturen

Die Strukturanpassungsprogramme der Weltbank der 1980er-Jahre förderten eine weitgehende Privatisierung von staatlichen Serviceleistungen, die viele Entwicklungsländer wirtschaftlich nachhaltig destabilisiert hat. Die städtische Armut stieg ab den 1990er-Jahren im gesamten globalen Süden massiv an. Die wirtschaftliche Liberalisierung, die Globalisierung und das NichtEngagement des Staates in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens führten zu ungeregelten Entwicklungen, die auch das rasante Wachstum von Slums vorantrieben. Je geringer die Macht der staatlichen Institutionen ist, desto eher bilden sich korrupte Strukturen heraus. Das geschieht zum Beispiel, wenn staatliche oder kommunale Leistungen in private Hände übergehen, wenn öffentlicher Verkehr, Müllentsorgung, Wasserund Stromversorgung nur noch nach dem Kriterium der Profitabilität funktionieren. In den Quartieren entstanden privat betriebene Mülldeponien auf öffentlichem Grund, und der öffentliche Nahverkehr gelangte unter die Kontrolle von Kartellen.

Stadtgestaltung von unten – also die Beteiligung der Bevölkerung an planerischen Entscheidungsprozessen und die Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse – ist ein vergleichbar junges Phänomen in Kenia. Erst in der neuen föderalistischen Verfassung von 2010 wurde die Teilhabe der Bevölkerung in der Stadtplanung erwähnt. Tief verankerte Klassenunterschiede sowie überkommene, revisionsbedürftige Gesetze und eine Top-Down-Politik behindern weiterhin partizipative Ansätze. Es fehlt bis heute an einer städtebaulichen Gesamtstrategie, was Planung und Nutzung betrifft. So gibt es immer noch kein staatliches Gesetz, das den öffentlichen Raum und seine Nutzung definiert und reguliert. Manche Verordnungen stammen noch aus der Kolonialzeit. So kann «Fehlverhalten» im öffentlichen Raum bestraft werden, wozu auch «Herumlungern» zählt.

Auch wenn dieses Gesetz kaum mehr zur Anwendung kommt, hat sich der Gedanke erhalten, dass ein unproduktiver Aufenthalt im öffentlichen Raum unerwünscht sei. Diese latente Kriminalisierung von Bürger*innen vermittelt den Leuten, dass ihnen der öffentliche Raum gar nicht zustehe.

Seit einigen Jahren entstehen vermehrt zivilgesellschaftliche Bestrebungen, die Stadtplanung zu demokratisieren und stärker auf die Bedürfnisse aller Bewohner*innen abzustimmen. Doch nach wie vor haben die städtischen Planungsinstrumente die Mittelund Oberschicht im Blick und schliessen damit den Grossteil der Bevölkerung aus. Ein positiver Trend zeichnet sich seit Kurzem in der Gestaltung von Parkanlagen und Naherholungsgebieten ab: Nach Jahren der Vernachlässigung hat die Regierung jetzt ein umfassendes Aufwertungsprogramm von städtischen Parks sowie die Sanierung der Flüsse angeordnet.