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Obdachlosigkeit
Einsichten am Grab

Seit Jahren lebte ein Obdachloser im Zürcher Quartier Albisrieden – geschätzt und geduldet. In einer Samstagnacht Mitte September wurde er ermordet.

Mit lauter Stimme schrei ich zum Herrn, laut flehe ich zum Herrn um Gnade. Ich schütte vor ihm meine Klagen aus, eröffne ihm meine Not.

Dreissig Menschen haben sich vor dem Grab von Ruedi versammelt. Sie bringen Blumen, einen Schutzengel, ein Holzkreuz. «Es ist ein Tod, der viele Fragen aufwirft», sagt der Priester im weissen Gewand an diesem sonnigen und windigen Oktobernachmittag. «Unverständlich für uns alle.»

Der Psalm, den er von seinem Tablet vorliest, handelt von einem Hilferuf in Not. Er endet mit der Bitte, dass den Gerechten Gutes getan werde. Ein Wunsch, der für Ruedi zu spät kommt: In einer Samstagnacht im September wurde der 66-jährige Obdachlose von einem Passanten totgeprügelt. Angeblich lag er in seinem Schlafsack auf einer Bank im Gemeinschaftszentrum Bachwiesen, als der 20-Jährige rund 25 Mal auf ihn eintrat. Dieser filmte die Tat und stellte sie auf Snapchat. Ob es ein Warum gibt, wird derzeit geklärt. Der Täter, ein bei den Eltern wohnhafter Arbeitsloser mit psychischen Problemen, ist geständig. Es wird zum Prozess kommen.

Die Geschichte von Ruedi wurde in der Folge in den Medien ausgebreitet. Der Blick sprach mit seinem Stiefsohn, 20 Minuten traf Freund*innen, der Tages-Anzeiger publizierte einen Nachruf. Auch die Anteilnahme im Zürcher Quartier Albisrieden, wo Ruedi zuhause war, war gross: Vor dem Letzipark, wo er seine Tage verbrachte, deponierten Bekannte Blumen, Briefe und Bierdosen. Mitarbeitende des Einkaufszentrums formten ein Herz aus rosaroten Kerzen, sie schrieben «Du wirst uns fehlen» auf Trauerkarten. Und im GZ Bachwiesen, wo Ruedi seit Jahren schlief, zeichneten Kinder Postkarten, legten Plüschtiere nieder, dazu Gedichte, rote Rosen, Kerzen. Bei der Abschiedsfeier im GZ, mit Reden und einem Feuer, waren Hunderte da, zum Gedenken wurde eine Wand mit Ruedis Namen besprayt. Viel Aufmerksamkeit für jemanden, der zu Lebzeiten kaum beachtet wurde.

Ich blicke nach rechts und schaue aus, doch niemand ist da, der mich beachtet. Mir ist jede Zuflucht genommen, niemand fragt nach meinem Leben.

Bei der Beerdigung knapp drei Wochen nach Ruedis Tod ist die Empörungswelle vorbeigezogen. Nun geht es nicht mehr darum, sich gegen die grundlose Gewalt an Schwachen zu solidarisieren. Jetzt geht es Ruedi.

Es zeigt sich, dass die wenigsten ihn wirklich kannten, oder aber nur einen Teil von ihm. Manche, die nun Abschied nehmen, wussten einzig um sein lange vergangenes Leben als ausgebildeter Jurist bei der UBS, mit Frau und Sohn zuhause. Sie erinnerten sich an ihn als einen neugierigen, reiselustigen Menschen, der vier Sprachen sprach. Es sind ehemalige Freund*innen, denen eines gemein ist: irgendwann, vor zehn oder fünfzehn Jahren, verloren sie den Kontakt.

Tod der Frau als Wendepunkt

Andere kannten nur jenen Ruedi, der in den letzten rund sieben Jahren als Obdachloser in Zürich lebte. Von seiner Vergangenheit wussten sie wenig. Ruedi war kein Mann der grossen Worte. «Er war ruhig. Manchmal zu ruhig», so sagt es der Priester bei der Beerdigung. Vermutlich schottete sich Ruedi bewusst ab. Und die Leute, die er traf, liessen ihn in Ruhe.

Der Wendepunkt in Ruedis Leben, darauf deutet alles hin, war der Tod seiner ersten Frau im Jahr 2005. Sie starb nach jahrelangem Kampf an Krebs. Wenig später zog der Stiefsohn aus, der Kontakt zwischen den beiden verebbte. Den Job als Jurist bei der UBS gab Ruedi auf, eine Zeit lang machte er als Selbständiger weiter, bis er nach Thailand ausreiste. Dort heiratete er ein zweites Mal. Warum kam er zurück? Weshalb zog er das Leben auf der Gasse einem bescheidenen Leben unter einem Dach vor? Darauf weiss kaum jemand eine Antwort. Dass die zweite Ehe offenbar noch nicht geschieden ist, erfuhren die meisten nebenbei an der Beerdigung – vom Pfarrer.

Einer kannte Ruedi und dessen neues Leben besser als alle anderen: sein bester Freund Božo Andrijevi?. Seit sieben Jahren sah er ihn fast täglich, trank mit ihm Bier, brachte ihm Kleider oder Essen. Immer wieder übernachtete Ruedi auf dem Sofa in der Wohnung von Andrijevi? und dessen Frau gleich gegenüber dem Letzipark. Zweimal nahm das Paar Ruedi mit in die Ferien ins eigene Ferienhaus in Kroatien. «Es ist brutal», sagt Andrijevi?, vor sich eine Büchse Quöllfrisch, eine Zigarette in der Hand. «Es tut so weh.» Er beschreibt seinen Freund als ruhigen, intelligenten und korrekten Menschen. Ruedi wusste, dass er nicht auffallen durfte, um als Obdachloser geduldet zu werden. Sein Bier füllte er in Petflaschen ab, seinen Schlafplatz verliess er jeden Morgen in aller Früh.

Doch auch seinem besten Freund erzählte Ruedi nicht alles – etwa, was in Thailand genau passiert war. Andrijevi? weiss aber, dass Ruedi zurückwollte. Die AHV-Rente von 1680 Franken hätten für ein schönes Leben in Thailand gereicht. Als Andrijevi? ihm einmal eine Einzimmerwohnung organisierte für 450 Franken pro Monat, habe Ruedi abgelehnt. «Er wollte das Geld sparen.» Zuletzt wartete Ruedi darauf, dass sein Visum eintraf. Offenbar rechnete er jederzeit damit. Bevor Andrijevi? in diesem Sommer für vier Wochen in die Ferien nach Kroatien verreiste, holte Ruedi seine Wertsachen ab. Diese hatte er zuvor in einer Schublade in Andrijevi?s Wohnung verstaut, darunter Pass, Postcard und den Ring aus der ersten Ehe.Als Andrijevi? aus den Ferien zurückkehrte, war Ruedi noch da – ohne Papiere. Sein Rucksack war geklaut worden, das neue Leben in Thailand plötzlich wieder weit weg. Das erfuhr Andrijevi? am Abend vor Ruedis Tod. Er hatte mit ihm und einem anderen Freund vor dem Letzipark ein paar Bier getrunken. Um etwa 22 Uhr bot ihm Andrijevi?, wie so oft, die Couch bei sich zuhause an. Ruedi lehnte ab. «Er befürchtete, dass er sonst seinen Schlafplatz einbüsst.» Sie verabschiedeten sich – für immer, wie sich herausstellen sollte.


Gewalt an Obdachlosen: Die Stadt Zürich sieht Gewalt an Obdach­ losen nicht als grosses Problem. «Tätliche Gewalt gegenüber Randständigen und Obdachlosen kommt glücklicherweise selten vor», schreibt Sprecherin Nadeen Schuster. Einen Fall wie Ruedi habe man noch nie erlebt. Betroffene betonen aber die hohe Dunkelziffer. «Unter Obdach­ losen ist bekannt, dass es gefährlich ist, wenn du in der Nähe der Partyszene gesehen wirst», sagt Surprise­Stadtführer Hans Peter Meier. Auch Walter von Arburg vom Sozial­ werk Pfarrer Sieber (SWS) hörte schon von mehreren Obdachlosen, die von Gruppen zumeist junger Männer, häufig Partyvolk, an ihrem Schlafplatz überrascht, provoziert, angepöbelt und geschlagen worden sind. «Es kam schon vor, dass solcher Pöbel auf am Boden liegende Obdachlose uriniert hat.» Betroffene würden jedoch ungern davon erzählen oder sich bei der Polizei melden.


Flucht auf die Strasse

In Zürich wird niemand gezwungen, im Freien zu übernachten. Dennoch schlafen Menschen auf der Gasse. Warum?

Ein dunkler, unbeleuchteter Park nahe einer Autobahnauffahrt. Es ist 23 Uhr, eine kühle, windige Oktobernacht bahnt sich an. Mit einer Taschenlampe erkundet Milos Micanovic die Umgebung: Parkbänke, Kiosk, Kinderspielplatz. Auf zwei der Bänke liegt ein Mensch – tarngrün und raupenförmig eingepackt. «Schlafsäcke der Armee», erklärt Micanovic. «Die haben sie vermutlich bei einer Anlaufstelle bekommen.» Seine Kollegin Fatima Aeschbacher geht langsam auf eine der Gestalten zu und stupst sie an. «Grüezi, Hello!»

Micanovic und Aeschbacher haben Spätschicht bei sip züri, der Sozialambulanz der Stadt Zürich. Sie suchen Obdachlose auf, bieten Hilfe an, begleiten sie zur Notschlafstelle oder informieren, wo es einen warmen Gratis-Znacht gibt. Sobald die Temperaturen unter null Grad sinken, gehen sie auf Kältepatrouille. In dieser Nacht begleitet Surprise ein Team auf einem der täglichen Rundgänge.

«Niemand muss in der Stadt Zürich unfreiwillig unter freiem Himmel übernachten.» Das hatte Nadeen Schuster, Sprecherin der Sozialen Einrichtungen und Betriebe, am Telefon angekündigt. Es gebe genügend Plätze in städtischen sowie privaten Notunterkünften. «Es gibt in der Stadt keine strukturelle Obdachlosigkeit.»

Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, sieht die Obdachlosen trotzdem – sie lassen sich an einigen bekannten Schlafplätzen nieder. Die Stadt weiss von «etwa zwei Dutzend Menschen», die das ganze Jahr über draussen schlafen. Die Sozialwerke Pfarrer Sieber sprechen von «mehreren Dutzend». Warum ziehen diese Menschen die kalte Parkbank dem warmen Bett in der Notschlafstelle vor?

Die Frau, die im Militärschlafsack auf der Parkbank schläft, schält sich verärgert aus ihrem Schlafsack. Seit mehreren Wochen gibt es Reklamationen, weil die Frau sich auch tagsüber auf dem Kinderspielplatz aufhält. Darum soll sip züri herausfinden, wer die Frau ist. Das gelingt vorerst nicht. «Very rude» sei es, sie zu wecken. Informationen gibt es von ihr keine, und auch ein Treffen am nächsten Morgen lehnt sie ab. «I understand», sagt Aeschbacher. «Then sleep well.» Sie geht ein paar Schritte zur Seite. Dann ruft sie die Polizei. Sie sorge sich um den psychischen Zustand der Frau, erklärt sie danach.

Der Park bei der Autobahnauffahrt gehört zu den beliebtesten Schlafplätzen von Obdachlosen. Derzeit übernachten hier vier Menschen regelmässig. Das ist nicht verboten. Solange niemand reklamiert, werden sie in Ruhe gelassen. Bei Konflikten versucht sip züri erst zu vermitteln. «Zu Problemen kommt es meist, wenn Obdachlose sich auch tagsüber an einem Platz einrichten», sagt Micanovic. Um Konflikten vorzubeugen, rät sip züri Betroffenen, ihren Schlafplatz immer wieder mal zu wechseln. An diesem Abend tun sie das bei einem israelischen Mann, der im Schneidersitz zwischen Restaurant und Coiffeur inmitten der Einkaufsmeile sitzt: «Du darfst in der Stadt schlafen. Aber du musst woanders hin.»

Obdachlose sollen unsichtbar bleiben

Steckt hinter dieser Haltung eine Doppelmoral? Einerseits werden Obdachlose geduldet und durch sip züri sozial betreut. Andererseits sollen sie wenn möglich unsichtbar sein. «Die Nicht-Beachtung ist vielleicht die tragischste Form einer gesellschaftlichen Geringschätzung. Es bedeutet, dass Obdachlose nicht einmal wahrgenommen werden», kritisiert Walter von Arburg, Sprecher des Sozialwerks Pfarrer Sieber (SWS). Allerdings ist es wohl auch zu ihrem Vorteil, wenn Obdachlose unsichtbar und damit nicht ausgesetzt sind: So werden sie zumindest nicht zur Zielscheibe von weitergehenden Aggressionen. Die sip züri bezeichnet das Vorgehen als Konfliktvermittlung. «Menschen mit exponiertem Schlafplatz besetzen einen Raum, den andere mit gleichem Recht beanspruchen», so Sprecherin Schuster. Es sei einfacher über einen Raum zu diskutieren, bevor er von Betroffenen eingenommen wird und ihnen quasi gehört.

Fatima Aeschbachers Handy klingelt. Auf dem Trottoir einer vielbefahrenen Strasse in Zürich-Wiedikon stehe ein rotes Sofa. Darauf liege eine Frau um die siebzig, ohne Decke und nur mit dünner Jacke bekleidet. Sie wirke verwirrt und brauche Hilfe. So schildert es der junge Mann, der sip züri angerufen hat. «Wir kommen gleich», sagt Aeschbacher.

Erst einmal muss aber die Polizei den Fall mit der Frau auf der Parkbank klären. Diese zeigt sich nun, vier Uniformierte vor sich, deutlich kooperativer. Wie sich herausstellt, stammt sie aus Finnland und hält sich schon einige Tage zu lange in der Schweiz auf. Sie verspricht, sich am nächsten Tag beim Migrationsamt zu melden. «Last chance», sagt einer der Polizisten.

Viele Menschen, die in der Nacht im Freien anzutreffen sind, seien Tourist*innen, die kein Geld für ein Hotel hätten oder aufwenden wollten, erzählt Aeschbacher, als sie wieder in den Kleinbus von sip züri steigt. Sie kämen in der Hoffnung hierher, Arbeit zu finden. Klappe es nicht, würden sie wieder gehen. Oder aber sie bleiben hier – etwa weil ihnen das Geld für die Rückreise fehlt. Dann vernetzt sip züri die Menschen mit dem Sozialdepartement, das den Weg zurück ins Heimatland organisiert.

 

 

Verwirrte Frau auf rotem Sofa

Daneben gibt es auch Menschen, die permanent draussen übernachten. Warum diese den Schlafplatz auf der Gasse einer Notunterkunft vorziehen, kann sip züri nicht abschliessend beantworten. «In 99 Prozent der Fälle handelt es sich um Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen», sagt Aeschbacher nur. Einige würden sich zudem nicht legal in der Schweiz aufhalten und deswegen die Behörden meiden.

Genaueres weiss Surprise-Stadtführer Hans Peter Meier, der selbst eineinhalb Jahre obdachlos war. Er sagt: «Es gibt Leute, für die sind die Ämter ein rotes Tuch. Sie wollen sich nicht abhängig machen. Oder sie sind zu stolz.» Und Walter von Arburg vom Sozialwerk Pfarrer Sieber weist daraufhin, dass Obdachlosigkeit primär soziale, nicht materielle Ursachen habe. Wer Job oder Wohnung verliere, Schulden habe, süchtig sei oder um einen geliebten Menschen trauere, dem könne zwar finanziell geholfen werden. «Von fundamentaler Wichtigkeit» sei aber ein tragfähiges Beziehungsnetz. «Wer nicht darüber verfügt, steht plötzlich allein da.» Die Flucht auf die Strasse geschehe dann aus einer Überforderung heraus. «Um sich von allen Verpflichtungen und Problemen zu lösen.» Und warum meiden manche selbst Notschlafstellen? «Betroffenen ist es häufig nicht wohl unter vielen Menschen», sagt von Arburg. Im Wald, in einem Hinterhof oder unter der Brücke hofften sie, in Ruhe gelassen zu werden.

Micanovic betätigt den Zündschlüssel, steuert den Bus von sip züri zum roten Sofa an der Birmensdorferstrasse. Die Frau, eine rote Brille auf der Nasenspitze, hat sich mittlerweile aufgesetzt, sie schlottert. Erst setzt sich Aeschbacher neben die Frau, dann hilft sie ihr in den vorgewärmten Bus. Der junge Mann, der sip züri gerufen hat, verabschiedet sich und fährt mit seinem Tandem-Velo davon. Die Frau kann sich zwar an ihren Namen und ihr Geburtsdatum erinnern. Nicht jedoch, wo sie hin soll. «In meiner Wohnung lebt jetzt jemand anders.»

Auf der nahen Polizeiwache gibt es eine wärmende Rettungsdecke sowie die aktuelle Meldeadresse. Doch die Fahrt dahin ist vergebens, dort hängt kein Schild mit ihrem Namen. Was jetzt? Aeschbacher und Micanovic beraten sich: in die Notschlafstelle oder ins Triemli-Spital, wo die Frau gemäss eigenen Angaben eben noch gewesen war? Sie entscheiden sich für Letzteres. Tatsächlich findet die Mitarbeiterin der Notaufnahme sie in der Datenbank: Erst gestern entlassen, behandelt wegen Darmproblemen. Sie solle heute Nacht hierbleiben, schlägt die Frau am Empfang vor. Morgen schaue man weiter. Müdes Nicken. Ein Bett für eine Nacht, immerhin.