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Verkäufer*innenkolumne
Fremdbestimmt werden

RENÉ SENN, 69, verkauft Surprise am Bahnhof Enge und Wiedikon in Zürich. Er meint nach wie vor: Wer die Freiheit sucht, wird immer selbstbestimmt sein.

Das Gefühl, nicht frei und nirgends daheim zu sein, kenne ich, seit ich denken kann. Gleich nach der Geburt kam ich zu Pflegeeltern. Ich wurde verhätschelt, war ein dickes Kind, so gut genährt war ich. Ich war der Alfons Birbaum.

Als ich etwa sieben Jahre alt war, klopfte eines Tages meine leibliche Mutter an die Tür und wollte mich zu sich holen. Geblieben ist mir, dass die Pflegemutter jeweils alle Läden zumachte, wenn es klopfte. Ich musste so tun, als sei niemand daheim. Schliesslich gelang es der Mutter doch, mich ins Rheintal mitzunehmen. Von diesem Tag an hiess ich plötzlich René und lebte bei meinen leiblichen Eltern mit zwei von vier neuen Geschwistern. Ich geriet vom Wohlstand in die Armut.

Gesehen habe ich meine Eltern in dieser Zeit praktisch nie, sie arbeiteten meistens, um sich irgendwie durchzuschlagen. Drei Jahre später liessen sie sich scheiden. Nun musste ich wählen, ob ich in die Erziehungsanstalt oder zum Bauern gehen wollte. Ich entschied mich für den Bauern und kam ins St. Galler Oberland, wo ich die nächsten fünf Jahre als Verdingbub verbrachte. Ich konnte zwar die obligatorische Schulzeit absolvieren, aber der Bauer hätte mich lieber zum Arbeiten zuhause behalten. Zeit zum Lernen blieb keine.

Mit fünfzehn kam ich als Hausbursche in ein Hotel. Ich hätte dort eine Kochlehre machen können, aber der Vormund und der Berufsberater entschieden von weit weg, dass ich in Vaduz eine Lehre als Autoservicemann machen sollte. Mit mir geredet hat keiner. Ich wollte die Lehre abbrechen, sie gefiel mir überhaupt nicht, aber das durfte ich nicht. Also packte ich meinen Koffer, stieg in den Zug und fuhr nach Basel an die Grenze. Das Geld vom Lehrlingslohn reichte gerade fürs Fahrticket.

Das war der erste Tag meines Lebens, an dem ich selber etwas bestimmte. Per Autostopp fuhr ich nach Lyon, schmiss den Koffer in die Rhone und führte die Reise nur noch mit dem Nötigsten fort. Angst hatte ich keine. Ich dachte, solange ich nicht zurückkehre, könne mir nichts passieren. Ich schnupperte Freiheit.

Später wurde ich in Deutschland aufgegriffen und in die Schweiz zurückgebracht. Das Fernweh blieb bestehen und wurde verstärkt durch die Schilderungen meiner älteren Brüder, die auf hoher See gewesen waren. Sie beschrieben mir in den schillerndsten Farben die Abenteuerreisen auf Bananendampfern und die Südseeländer mit ihren schönen Frauen. Das wollte ich auch!

Immer, wenn es zuhause kritisch wurde, wenn der Alltag mit seinen Anforderungen oder die Menschen oder die Drogen, die mir das Leben erträglich machen sollten, mich zu erdrücken drohten, überquerte ich die Grenze, und der ganze Druck fiel von mir ab. So lebte ich viele Jahre, ich ging fort und kam wieder zurück – mein Leben war wie ein Pendel. Vielleicht konnte ich mich dadurch retten.


Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und Stephan Pörtner erarbeitet. Die Illustration zur Kolumne entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.