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«Ich wollte keinen Militärdienst bis ans Lebensende»

Semere Jenay (28) verkauft Surprise vor der Coop-Filiale am Berner Eigerplatz. Er hofft, dass bald die ganze Familie zusammenleben kann.

«Ich stamme aus der Nähe von Asmara und bin 2014 aus meinem Heimatland Eritrea geflüchtet, weil ich nicht bis an mein Lebensende Militärdienst leisten wollte. Ich war fünf Jahre lang im Militär – das ist genug. Im Juni 2015 habe ich die Schweizer Grenze passiert und hier einen Antrag auf Asyl gestellt. Während ich auf den Entscheid wartete, lebte ich fast eineinhalb Jahre in einer unterirdischen Zivilschutzanlage in Ittigen bei Bern. Zum Glück konnte ich drei Monate nach meiner Ankunft schon mit dem Verkauf von Surprise anfangen. So kam ich regelmässig raus, hatte etwas zu tun und Kontakt zu Leuten von hier.

Von Ittigen kam ich nach Uttigen, in ein kleines Dorf in der Nähe von Thun. Von dort aus besuchte ich Deutschkurse und konnte später, als mein Asylantrag angenommen wurde und ich die Aufenthaltsbewilligung B erhielt, auch den Heks-Integrationskurs ‹Info-Schweiz› absolvieren.

Vor zwei Jahren wollte ich dann mit einem Praktikum in den Pflegeberuf einsteigen. Die Arbeit im Altersheim gefiel mir zwar sehr, aber mein Deutsch war nicht gut genug. Die älteren Menschen sprachen oft ziemlich leise, zudem redeten sie meist Berndeutsch. Ich würde gerne besser Deutschund Berndeutsch lernen, aber wegen meiner schwierigen Familiensituation kann ich mich nicht richtig konzentrieren.

Meine Freundin, die ich bereits in Eritrea kennengelernt hatte, kam einen Monat nach mir in die Schweiz und wurde dem Kanton Wallis zugeteilt. Ein Kantonswechsel wurde uns nicht bewilligt, weil wir nicht verheiratet sind. Und verheiratet sind wir nicht, weil wir Probleme mit den nötigen Dokumenten haben. Mittlerweile haben wir eine dreijährige und eine einjährige Tochter und pendeln immer zwischen Bern und Sierre, wo sie mit den Mädchen nur ein Zimmer bewohnt. Nach vielen Briefen an die Behörden und mit der Hilfe von ‹Give a Hand›, einem Verein, der Migrant*innen unterstützt, können wir vielleicht noch in diesem Jahr heiraten.

Ich hoffe sehr, dass es klappt und wir endlich alle zusammenwohnen können. Wobei, jemand fehlt noch: Ich habe aus einer früheren Beziehung eine achtjährige Tochter, die bei meiner Schwester in Äthiopien lebt. Ihre Mutter ist krank und deshalb einverstanden, dass das Kind zu mir in die Schweiz kommt. Doch auch dort gibt es Probleme mit Papieren und Bewilligungen. Es ist sehr schwierig und traurig für mich, wenn ich meine Tochter am Telefon sagen höre: ‹Baba, bitte komm zu mir!› Ich kann sie nicht besuchen, weil mir das Geld dazu fehlt. Zum Glück habe ich auch hier Hilfe, damit ich meine Tochter im Familiennachzug in die Schweiz holen darf.

Gerade auch meine Surprise-Kund*innen helfen mir immer wieder, zum Beispiel bei der Arbeitssuche und beim Schreiben von Bewerbungen. Eine Frau, die mich und meine Familie gut kennt, hat mich ausserdem zu ‹Give a Hand› begleitet, damit wir zusammen meine Situation besser erklären können. Für alle diese Hilfeleistungen bin ich sehr dankbar, und sie geben mir viel Kraft.

Ich freue mich auf den Moment, wo wir alle und in Ruhe an einem Ort zusammenleben. Dann werde ich mich hoffentlich wieder aufs Deutschlernen konzentrieren und doch noch eine Ausbildung in der Pflege machen können.»