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Verkäufer*innenkolumne
Im Alltag mehr ernten

NICOLAS GABRIEL 55, Jus-Studium abgeschlossen, verkauft Surprise in Zürich an der Uraniastrasse. Der Stadt verdankt er seit Neustem ein Zimmer. «Hut ab!», meint er und hirnt nach Gegenleistung: junggebliebenen Alten im Pflegeheim vorlesen und Kunstbücher zeigen.

Ein bisschen vorwärtsmachen. In aller Vorsicht – der Mutter der Porzellankiste zuliebe. Vorwärts: Endlich mal das Gefühl kriegen, dass jede Lebenssekunde Sinn macht.

Vorwärts: Ich gehe davon aus, der Sinn unseres Lebens ist, dass wir in Jahrmillionen das Paradies auf Erden schaffen. In Jahrmillionen sage ich, um den Druck von uns zu nehmen. Wir müssen vorwärtsmachen, aber wir haben noch viel, viel Zeit.

Die moderne Technik erlaubt uns, für alle Nahrung, Kleider, Häuser und so weiter bereitzustellen. Offenbar geht es aber nicht. Was kann frau / man tun?

Vielleicht vermehrt Lebenserfahrungen austauschen, vom anderen lernen. Zum Beispiel: Der Tag ist zum Lernen da. Und das Lernen zum Nicht­vergessen­Werden. Schaffen wir’s, Momente zu finden, wo wir das Erlernte, tagtäglich, für alle Zeit verankern? Oder: Früher gab’s doch Volkslieder. Gibt’s die noch? Oder: Von einer 96­jährig Verstorbenen übernommen: Gymnastik verhindert Unfälle. Und ein stressloses Leben auch. Arbeit macht das Leben süss. Stress bewirkt das Gegenteil.

Ein weiterer Gedanke: Wir sind ja alle gleich klug. Und doch ziehe ich Claude Lévi­Strauss und sein «wildes Denken» bei. Ich verstehe es so: Hast du ein Problem, schau um dich, das reicht vielleicht. Brauchst du einen Hammer, zufällig liegt ein Stein in Griffweite, pack zu. In der Nähe liegt eine Kraft.

Und noch was: alte Menschen ernstnehmen. Sie sind unsere Wegweiser. Auch die Toten (die für mein Verständnis noch leben). Ich zum Beispiel höre Stimmen. Mein Vater fand das sehr bedenklich. Unrecht hat er nicht. Träumen, speziell auf der Strasse, kann ins Auge gehen.

Und schliesslich eine Überzeugung von den «Streng­Reformierten» (meine Bezeichnung) in Zürich, erzgute Leute, Diskutieren aber sehr schwierig: Jeder hat seine Berufung (50 Prozent Mitspracherecht, Gottvater/Gottmutter übernimmt den Rest). Wer perspektivlos ist, suche danach. Lernen ist alles. Was du jetzt lernst, ist für die Ewigkeit.

Berufung, es müssen Leidenschaften sein / werden. Zum Beispiel Musik, Physik, Haushalt, Garten, Helikopter, Literatur, Putzteufel, egal was. Meine Grossmutter lernte in hohem Alter noch eine Sprache. Sinnvoll, nicht?

So, genug, ich will nicht lehrmeisterlich klingen, aber hab die Schule eben im Blut: Vater Lehrer, Mutter Lehrerin, mami (= französische Grossmutter mütterlicherseits) Lehrerin, Oma (Vaters Seite) Lehrerin, papi (= le père de maman) Lehrer, Tante Lehrerin.

Und damit es nicht einseitig ist: Senden Sie mir eine Ihrer Erfahrungen, gedanklich oder konkret: nicolas.gabriel@gmx.ch. Ich will’s behelligen, denn ohne Sie bin ich nichts. Danke.


Die Texte für diese Kolumne entstehen in Workshops unter der Leitung von Stephan Pörtner und der Redaktion. Die Illustration zur Kolumne entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.