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Illustration: Rahel Nicole Eisenring

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...ist gefangen

Ich bin immer mal wieder in unangenehmen Gesprächen gefangen, und es regt mich auf: Leute, die selbst nicht zuhören wollen, sich keinen Austausch erhoffen, sondern einfach einen Raum beanspruchen, den ich ihnen eigentlich nicht gewähren will. Letztens traf ich auf einer Veranstaltung gleich zwei solcher Menschen, die mich auf dem Weg zum Apéro abpassten und mit ihrem Gelaber gefangen nahmen.

(Liebe Lesende, Sie dürfen hingegen selbstverständlich selbst entscheiden, ob Sie weiterlesen wollen oder nicht.)

Die erste Person war einer dieser Männer– und man sah es an der Art, wie er seine Brust herausdrückte –, auf die es nur zwei Reaktionen gibt: Entweder man lässt sich berieseln oder man rennt verzweifelt gegen sie an, so wie eine Taube gegen eine Scheibe fliegt, die kein Stück nachgibt. Konfrontativ und besserwisserisch sprach er mit grossen Gesten und lauter Stimme und versuchte, mich dazu zu bewegen, ihm zuzustimmen, was ich nicht mit mir vereinbaren konnte. Ich überlegte, wie es wäre, mit ihm zu streiten, und verfiel in ein leises «Rukediguu»: unmöglich. Nicht nur, weil man nicht gewinnen kann – also seine Meinung nicht ändern (denn Männer wie er wollen nichts von jungen Frauen wie mir lernen) –, sondern auch, weil der Zweifel an seinem Wissen wohl das einzige war, das ihn noch mehr zum Reden anspornte als eine einfach neben ihm stehende Frau.

Also liess ich ihn reden und reden. Pausen liess er nur für zustimmende Kommentare, die ich ihm nicht geben wollte, und so blieben die kurzen Slots, die er fürsorglich für meinen Redebeitrag bereitgestellt hatte, ungefüllt.

Irgendwann schaffte ich es, mich aus dem Gespräch zu winden: Ich hatte eine alte Bekannte entdeckt und sie mit übertriebener Geste begrüsst, um meinem Gesprächspartner klarzumachen, dass ich nun ein wichtigeres Gespräch zu führen hatte. Er versuchte noch ein paar Mal, in meiner neuen Interaktion zu intervenieren, jedoch erfolglos, denn die Devise meiner neuen Gesprächspartnerin war: Wer Luft holt, hat verloren.

Nun hatte ich mit ihr zu kämpfen: Sie ist eine jener Personen, die reden, damit sie anderen nicht zuhören müssen. Was sie sagt, ist immer intelligent, nie von Zweifeln berührt und immer mindestens so weit verständlich, dass man weiss, dass sie recht hat. Sie spricht deutlich und präzise und schneidet mit der Stimme durch die Luft wie der Rotor eines Ventilators. Sie will, dass man ihr folgt, und sie macht, dass man ihr zuhört. Unwillig hörte ich mir ihren belehrenden Monolog an, der wie ein einziges Argument klang – als hätte ich ihr widersprochen, was ich nie wagen würde. Denn wenn man ihr tatsächlich widerspricht, klammert sie sich fest und lässt nicht mehr los, bis man selbst aufgibt wie ein Beutetier im Griff einer Würgeschlange. Ich weiss das von früheren Interaktionen. Ich machte mir einen Spass daraus, ihr nicht mehr ernst- haft zu antworten oder trotzig in die andere Richtung zu schauen, um sie zu irritieren – aber wirklich spassig war das nicht. Irgendwann liess sie von mir ab und bedankte sich für das Gespräch. Ich wusste nicht, welches Gespräch sie meinte, und nahm mir vor, zuhause ein Plädoyer für eine rücksichtsvolle Gesprächskultur zu schreiben: Hört auf, Menschen einfach vollzulabern!