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Strassenfussballer
«Mit der Kamera nutze ich meine Kreativität»

Michael Rufer, 46, hat beim Homeless World Cup mitgekickt und träumt davon, die WM als Fotograf zu erleben.

«Eineinhalb Jahre lang habe ich in der Basler Strassenfussball-Mannschaft mitgespielt. Dieses Jahr im Sommer bin ich schweren Herzens ausgetreten. Die Mannschaft war mir wichtig, das Team ist toll und die Leute können gut Fussball spielen. Aber ich hatte mit einem Mitspieler eine Meinungsverschiedenheit.

Ich liebe und spiele Fussball, seit ich ein kleines Kind war. Letztes Jahr war ich sogar beim Homeless World Cup in Wales dabei. Dass ich mit 46 Jahren noch in eine Nationalmannschaft kommen würde, hätte ich nie gedacht. Das Warten auf die WM war toll, das war so ein Kribbeln. Ich habe viele Menschen kennengelernt und würde sofort nochmal teilnehmen. Man darf allerdings nur einmal im Leben mitspielen. Mit drei Spielern aus Wales bin ich mittlerweile gut befreundet. Dem Torwart habe ich meine Torhandschuhe geschenkt. Mit einem Spieler habe ich das Trikot getauscht. Seines hängt bei mir an der Wand.

Neben dem Fussball sind Fotografieren und Filmen meine Leidenschaften. Mein Auge ist eigentlich immer am Fotografieren. Ich bin regelmässig als Filmer und Band-Fotograf bei Konzerten dabei. Ein Honorar erhalte ich nicht, dafür einen musikalisch coolen Abend. Die Bands haben ja auch oft kaum Geld.

Ich könnte mir vorstellen, in Zukunft als Fotograf und Filmer die Schweizer Mannschaft zur Weltmeisterschaft zu begleiten. So könnte ich für die Fussballspieler*innen Erinnerungen aufnehmen. Ausserdem kenne ich mich nun schon gut beim World Cup aus. Somit wäre ich für neue Spieler*innen eine grosse Hilfe. Aber damit ich als Staff-Mitglied dabei sein kann, bräuchte es natürlich Sponsor*innen.

Ich brauche die Fotografie. Sie ist für mich eine Ablenkung, denn ich habe starke Depressionen. Mit der Kamera nutze ich meine Kreativität und gehe raus, anstatt nur zuhause zu sitzen. Ich hatte in den letzten Monaten zwar einen Therapieplatz, aber ich müsste zum Gespräch mit der Therapeutin zu weit fahren. Das geht für mich nicht. Also muss ich auf einen neuen Platz warten. Das kann lange dauern.

Depressionen begleiten mich schon seit ungefähr zwanzig Jahren. Ich bin ein Scheidungskind und hatte kein stabiles Elternhaus. Mit siebzehn Jahren bin ich ausgezogen. Meine Lehre als Kunststoffapparatebauer habe ich abgebrochen. Ich wurde von meinem Lehrbetrieb eher als Arbeitskraft auf der Baustelle eingesetzt. Ausserdem bin ich Legastheniker und hatte immer schon Probleme, für Prüfungen zu lernen. Ich will mich bald wieder darum bemühen, eine Arbeit zu finden. Allerdings leide ich momentan an einer starken Schuppenflechte am ganzen Körper und an Arthritis im Handgelenk.

Vor Kurzem sind auch noch meine beiden Katzen gestorben. Das hat mich ziemlich zurückgeworfen. Ich lebte vierzehneinhalb Jahre mit ihnen zusammen. Wenn ich jetzt ins Bett gehe, im Wohnzimmer sitze oder eine Wurstschachtel aufmache, kommt niemand mehr. Ich gucke mich immer noch regelmässig nach ihnen um, aber die Tür geht nicht mehr einen Spalt weit auf. Es kommt keine Katze mehr zu mir.

Fürs neue Jahr wünsche ich mir, dass Corona verschwindet oder die Situation zumindest besser wird. Dass man normal leben und sich wieder treffen kann. Aber ganz wie vorher wird es so schnell nicht mehr sein. Abstand halten, Distanz wahren, das wird noch lange bleiben.»