Skip to main content
Tour de Suisse
Pörtner in Muttenz

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Der Surprise-Verkäufer steht gleich am Eingang des Einkaufszentrums, daneben ist der Eingang zum Hotel Baslertor. Gegenüber ein Reisebüro, das Tor zur weiten Welt. Endlich darf man wieder reisen oder leider, je nach Ansicht zum Klimawandel. «Endlich Ferien» steht auf dem Plakat im Schaufenster. Reisen muss ja nicht gleichbedeutend sein mit Fliegen, wobei die angeschlagenen Angebote stets Flug und Hotel umfassen. Lappland wäre eine Möglichkeit oder auch Rhodos.

Man könnte aber auch die im Sommer ins Wasser gefallenen Wanderungen nachholen. Allerdings braucht man dafür kein Reisebüro. Wie in den Ferien kann man auch hier draussen sitzen, eine Kundin hat eine kunstvolle Salatpyramide auf den kleinsten zur Auswahl stehenden Teller gehäuft. So etwas gelingt nicht auf Anhieb, da stehen Wissen und Übung dahinter. Ein Mann mit einer Sackkarre geht zielstrebig auf den Laden zu und wird eine Weile später sechs Sechserpackungen Mineralwasser davonkarrend gesichtet.

Um die Ecke beginnt die Einkaufsstrasse, die Hauptstrasse heisst. Auf der einen Seite lockt eine breite Fussgängerzone, beschattet von Pappeln, vereinzelt auch von Kastanienbäumen. Neben einem solchen befindet sich der Fair-TradeLaden, in dessen Schaufenster alles zum Thema Kastanien ausgestellt ist: Teigwaren, Mehl, Schokolade. Was fehlt, ist das Kastanienbier.

An der Hauptstrasse gibt es mehrere Hörgerätgeschäfte, Bestattungsunternehmen und Barbiere, dazu Modeläden, die nicht zu internationalen Ketten gehören. Der Uhrenhändler ist tatsächlich in den Ferien, möglicherweise gebucht im zweiten Reisebüro, das diversifiziert hat und auch Kaffee anbietet, der vor Ort getrunken werden kann. Ein Angebot, das rege genutzt wird. Auch Metzgereien gibt es gleich mehrere, eine davon bietet vegane Wurst an. Da Veganer*innen kaum Metzgereien betreten, richtet sich das Produkt wohl an Fleischesser*innen, die Besuch von Veganer*innen erwarten, Kinder oder Verwandte vielleicht, bei denen man nie weiss was auftischen. Endlich ist das Problem gelöst. Etwas unglücklich hingegen die Bezeichnung an einem Elektroscooter. Das Modell heisst Stalker.

Die Hutmanufaktur erweist sich bei genauerem Hinsehen als Hautmanufaktur. Die Gebäude in diesem Abschnitt sind geradezu museal, altertümlich hübsch. Selten gewordene Geschäfte wie ein Mercerieladen oder ein Brauthaus halten die Stellung, und Moderna bezeichnet hier nicht einen Impfstoffhersteller, sondern eine Textilreinigung. Die Pharmaindustrie ist allerdings nicht weit, der Bus fährt nach Novartis.

Muttenz liegt auch nicht in China, darum ist das Institut für Nachhilfeunterricht nicht geschlossen worden, es befindet sich in einer alten Scheune. Das Motto der lokalen Geschenkkarte, «Muttenz het’s», scheint nicht übertrieben. Sogar schröpfen lassen kann man sich.

Am Ende der Hauptstrasse in der umfriedeten Kirche St. Arbogast finden Choraufnahmen statt, die gestört werden von einem Auto, das hupend vorbeifährt, und den Kirchenglocken, die man vergessen hat auszuschalten. Am Tor beginnt der «Weg der Hoffnung».