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Die Sozialzahl
Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt

Nach einem Jahr COVID-19-Pandemie werden die Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt sichtbarer. Die Zahl der Erwerbslosen steigt, die Unterbeschäftigung nimmt zu, das Ausmass an Langzeitarbeitslosigkeit wird grösser. Eine soziale Misére weitet sich aus. Nur dank dem Ausbau der Arbeitslosenversicherung und der Erwerbsersatzordnung konnte bisher Schlimmeres verhindert werden. Noch besteht Hoffnung, dass viele, die auf Kurzarbeit gesetzt sind, wieder an ihren angestammten Arbeitsplatz zurückkehren können.

Die Krise auf dem Arbeitsmarkt, die durch die notwendigen pandemiebedingten Einschränkungen ausgelöst wurde, trifft nicht alle gleich. Dies zeigt ein Blick auf den Verlauf der Erwerbslosenquote seit den frühen 1990er-Jahren. Zum Beispiel trifft es in wirtschaftlich schwierigen Zeiten immer wieder deutlich stärker ausländische als einheimische Erwerbstätige.

Doch warum tragen ausländische Erwerbstätige ein höheres Risiko, arbeitslos zu werden? Es ist nicht so, dass Arbeitsmigrant*innen generell eine tiefere berufliche Qualifikation aufweisen. Im Gegenteil: Der Anteil jener, die mit einem Tertiärabschluss in die Schweiz kommen, ist über die letzten beiden Dekaden deutlich angestiegen. Trotzdem arbeiten viele ausländische Arbeitskräfte in Branchen, die besonders anfällig sind für eine steigende Arbeitslosigkeit. So ist es auch dieses Mal. Die höchsten Stellenverluste weisen Branchen wie die Gastronomie, die Hotellerie, der Detailhandel oder der Personenverleih auf, also Wirtschaftszweige mit tiefen Löhnen und einem hohen Anteil an ausländischen Arbeitskräften.

Die wirtschaftliche Situation dieser Erwerbslosen ist unterschiedlich. Die einen beziehen noch Taggelder der Arbeitslosenversicherung, andere leben von der Sozialhilfe, dritte beziehen gar keine Unterstützungsgelder vom Sozialstaat, weil sie wie Sans-Papiers kein Anrecht darauf haben. Oder weil sie, wie Personen mit Jahresaufenthaltsbewilligungen, auf Sozialhilfe verzichten, um ihr Bleiben in der Schweiz nicht zu gefährden.

So wichtig die materielle Unterstützung für Erwerbslose ist, so sehr muss man sich aber auch die Frage stellen, ob dies genügt. Kann man damit rechnen, dass diese Personen wieder eine Stelle finden, sobald das wirtschaftliche Geschehen sich der Normalität annähert? Aus einer konjunkturellen kann rasch eine strukturelle Arbeitslosigkeit werden. Die digitale Transformation der Wirtschaft hat sich in der Corona-Krise eher noch beschleunigt. Warum nutzt man die Zeit nicht besser und bereitet die Erwerbslosen mit kostenlosen und freiwilligen Weiterbildungsund Umschulungsangeboten auf die sich abzeichnende neue Arbeitswelt vor? Das wäre Ausdruck einer investiven Sozialpolitik, die nicht nur Geld verteilt. Doch die Arbeitslosenversicherung kommt dieser präventiven Aufgabe nicht nach. Dabei wäre es besser, Erwerbslosigkeit zu vermeiden, als diese zu bekämpfen.