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Foto: Susanne Keller

Strassenverkaufende
«Wo sollte ich hin?»

Haimanot Ghebremichael, 44, verkauft Surprise bei der «Welle» am Berner Hauptbahnhof. Mit drei Jobs gleichzeitig schaffte sie den Schritt aus der Sozialhilfe.

«Ich bin in Äthiopien geboren und aufgewachsen. Als ich sieben Jahre alt war, starben mein Vater und meine Mutter kurz nacheinander. Da sie aus der damaligen Provinz Eritrea stammten und meine Verwandten somit weit entfernt wohnten, lebte ich fortan bei den Nachbarn. Später heiratete ich einen der Söhne dieser Nachbarsfamilie und hatte mit ihm drei Kinder.

Eines Tages wurde mein Mann aus politischen Gründen verhaftet und später getötet. Ich blieb zunächst mit den Kindern bei den Schwiegereltern, doch sie behandelten mich sehr schlecht, und mein Leben wurde immer schwieriger. Dazu kam, dass Eritrea mittlerweile ein eigenständiger Staat geworden war und Äthiopien Leute mit eritreischen Wurzeln mehr und mehr des Landes verwies. Wo sollte ich nun hin? Für Eritrea stammte ich aus dem verfeindeten Äthiopien, für Äthiopien war ich eine unerwünschte Eritreerin. Schliesslich hielt ich meine Situation nicht mehr aus und flüchtete in den Sudan. Die Kinder liess ich zurück, weil ich ihnen die gefährliche Reise nicht zumuten wollte. Vom Sudan führte die Flucht durch die Sahara nach Libyen und über das Mittelmeer nach Italien. 2008 stellte ich in der Schweiz einen Asylantrag.

Hier stellte sich das Thema «Äthiopierin oder Eritreerin?» erneut, denn ich hatte von keinem der beiden Staaten Ausweispapiere. Da ich aus Äthiopien geflüchtet war, betrachteten mich die Schweizer Behörden als Äthiopierin und lehnten mein Asylgesuch 2011 ab. Ich legte mit der Hilfe einer Rechtsberatungsstelle Rekurs ein und bemühte mich gleichzeitig, gültige Ausweispapiere zu bekommen. Dazu reiste ich nach Genf und versuchte, sowohl bei der äthiopischen wie auch bei der eritreischen Botschaft einen Ausweis zu bekommen. Beide Länder lehnten meinen Antrag jedoch ab, und so blieb ich staatenlos.

Schliesslich wurde mein Asylgesuch nochmals geprüft, und 2013 wurde ich vorläufig aufgenommen. Nun konnte ich endlich auch anderweitig Arbeit suchen, nachdem ich vier Jahre lang nur Surprise verkaufen durfte. Mit Reinigungsaufträgen, einer Anstellung in einer Restaurantküche und dem Verkauf von Surprise schaffte ich es bald, mich von der Sozialhilfe zu lösen und meinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Das war nicht einfach, aber ich bekam von vielen Seiten Hilfe. Das Team von Surprise greift mir immer wieder bei Administrativem unter die Arme, und Freundinnen, Bekannte und Surprise-Kunden unterstützen mich auf verschiedene Weise, sei es mit einem warmen Tee und einem Znüni beim Heftkauf, mit einer Einladung zum Mittagessen oder einem Paar warmer Schuhe. Dafür bin ich allen diesen Menschen sehr dankbar.

Mein derzeit grösster Wunsch ist, dass mein vierzehnjähriger Sohn Jarid in die Schweiz kommen kann. Die beiden Töchter sind schon älter, haben bereits selbst eine Familie gegründet und bleiben in Äthiopien. Damit Jarid über den Familiennachzug in die Schweiz reisen darf, brauche ich jedoch die Aufenthaltsbewilligung B, und diese bekomme ich wiederum nur mit gültigen Ausweispapieren. Nun habe ich einen neuen Versuch bei der äthiopischen Botschaft in Genf gestartet und habe grosse Hoffnungen, dass ich meine Papiere bald bekomme. In den letzten Monaten hat sich in Äthiopien mit dem neuen Premierminister viel verändert, auch das Verhältnis zu Eritrea scheint sich zu bessern.

Ich denke, sobald ich den äthiopischen Pass habe, wird es schnell gehen mit dem B-Ausweis und der Einreisebewilligung für Jarid. Deshalb schaue ich mich jetzt schon nach einer grösseren, bezahlbaren Wohnung um – meine Einzimmerwohnung ist zu klein für mich und meinen grossen Sohn. Ich besuche momentan auch dreimal pro Woche den kostenlosen Deutschkurs der Autonomen Schule denk:mal im Lorraine-Quartier, damit ich Jarid nach seiner Ankunft besser beim Deutschlernen helfen kann.»