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Verkäufer*innenkolumne
Wunder der Natur

HANS RHYNER, 66, ist Surprise-Stadtführer in Zürich und verkauft das Strassenmagazin in Zug und Schaffhausen. Er ist zudem Holzscheiter, Uetlibergläufer, Beobachter – aus Elm, kein Schelm.

Heute nehme ich mich an, so wie ich wirklich bin. Jeder einzelne Tag ist ein Geschenk. Wenn ich mir selbst vergeben kann, gelingt mir dies auch bei meinen Mitmenschen sehr gut.

Mir ist eins klar: Meine Schwierigkeiten mit mir selbst sind immer Symptome. Ein Symptom ist Selbstmitleid. Aus Selbstmitleid kann Groll entstehen. Das sind schwerwiegende Begleiter, die mir nicht guttun.

Die Einstellung zum Leben und meine Erwartungen haben sich grundlegend geändert. Die Gefühle von Nutzlosigkeit und Selbstmitleid sind längst verschwunden. Meine eigennützige Einstellung ist mehr in den Hintergrund getreten und das Interesse an den Mitmenschen, dem Tier und der Umwelt, der Natur, ist dabei gewachsen.

Surprise verkaufen darf ich.

Als Stadtführer darf ich Menschen Zürich von einer anderen Seite zeigen.

Alles, was ich Positives für mich selbst und anderen gegenüber tue, darf ich.

Zügig auf den Uetliberg laufen darf ich und kann ich. Keine Selbstverständlichkeit für mich.

Alles einfach Wunder.

Seit meiner Kindheit trieb ich immer viel Sport. Lange war Sport für mich vor allem Leistung. Der Beste sein. Aber überall kann man nicht der Beste sein. Ich musste kapitulieren.

Heute ist Sport, zügiges Gehen, für mich Erholung. Die Natur beobachten.

Viele Erlebnisse mit Tieren. Sehr häufig kann ich eine Rehmutter mit frühlingsgeborenen Kitzen von sehr nah beobachten. Eine Amsel wollte einen Wurm fangen auf dem Denzlergraf-Weg. Ich ging ein paar Meter retour, um sie dabei nicht zu stören. So konnte die Amsel ungestört ihre Nahrung zu sich nehmen. Dieselbe Amsel begegnete mir später noch mehrere Male fast an der gleichen Stelle und sang. Ich bin überzeugt, sie begrüsste mich.

Sehr viele Begegnungen habe ich mit Eichhörnchen. Um die Bettagszeit nehme ich immer ein paar Haselnüsse mit. Diese flinken Kletterer beobachte ich mit Freude. Ein Wunder. Dass solche Lebewesen mir als Mensch so viel geben können und dürfen.

Will weiterhin bei mir selbst bleiben. Ohne Groll, ohne Selbstmitleid. Es ist auch ein Wunder, dass es mich gibt.


Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und Stephan Pörtner erarbeitet. Die Illustration zur Kolumne entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.